Als in Imola die Sonne unterging

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F1-insider.com war in Imola dabei, als am 30. April und 1. Mai 1994 Roland Ratzenberger († 33) und Ayrton Senna († 34) starben. Eine persönliche Sicht vom Wochenende, das die Formel 1 verändert hat. Heute vor 21 Jahren.

Am Anfang war die Ahnung. Schon die Fahrt nach Imola am 27. April 1994 war merkwürdig. Mein Auto sprang nicht an, dann bekam ich in den Alpen Fieber. Es war, als ob sich mein tiefstes Unterbewusstsein mit allen Mittel gegen die Fahrt stemmte. In Imola war ich mit Heinz-Harald Frentzen verabredet. Er fuhr dort sein drittes Formel-1-Rennen. In der ersten Nacht hatte er Probleme mit seinem Hotelzimmer. Also schlief ich in seinem Auto und er in der für mich bestimmten Kammer.

Am Donnerstag trafen wir uns mit Roland Ratzenberger zum Abendessen in einer Pizzeria. Er war Frentzens bester Rennfahrerkumpel, weil sie zwei Jahre gemeinsam in Japan gefahren sind. An diesem Abend spürte ich das letzte Mal die Schwerelosigkeit unserer Jugend. Am Freitagmorgen knallte es das erste Mal. Rubens Barrichellos Jordan schlug brutal in der Mauer ein. Barrichello kam ins Krankenhaus, wo man nur einen Nasenbeinbruch feststellte. Überall war Erleichterung zu spüren und die trügerische Erkenntnis: Die Autos sind wie eine Ritterrüstung.

Nur einer ließ sich nicht täuschen: Ayrton Senna, der sofort nach dem Unfall seines Landsmannes Barrichello an dessen Krankenbett eilte. Im Fahrerbriefing saß er da, mit „traurigen Augen, die ins Leere blickten“, wie Frentzen mir erzählte. Und Senna warnte die Kollegen: „Diese Autos sind gefährlich. Wir müssen etwas unternehmen!“

Am Samstag platzte die rosarote Luftblase, in der die Formel 1 lebte. Kurz nach 13 Uhr, das Qualifying hatte gerade begonnen, kniete ich neben Frentzen, der in seinem Sauber-Mercedes noch in der Box stand. Wie immer hatte er den kleinen Monitor vor sich stehen und sah plötzlich, wie ein Auto brutal in die Mauer fuhr. Als es ausrollte, sah ich wie der Kopf des Piloten leblos zur Seite hing. Ich erkannte den Simtek, ich erkannte den Helm. Frentzen kam mir zuvor: „Es ist Roland.“ Sofort schnallte er sich ab und fuhr nicht mehr an diesem Tag – genauso wie Ayrton Senna.

Am Abend gingen wir wieder in die Pizzeria. Nur Roland fehlte. Wir stocherten lustlos in der Pasta herum und der Abend bestach hauptsächlich durch fassungsloses Schweigen. Die Idee, dass Frentzen am nächsten Tag mit einer kleinen österreichischen Flagge im Cockpit fahren wollte, wurde stumm abgenickt. Dass Senna die gleiche Idee hatte, konnte da von uns noch keiner wissen. In der Startaufstellung am nächsten Tag saß Senna regungslos in seinem Cockpit. Der Blick ging endlos ins Weite. Er lächelte nur kurz, als die Tifosi den Namen seines Freundes Gerhard Berger brüllten, der für Ferrari fuhr. Es war sein letztes Lächeln in dieser Welt.

Ich wusste sofort nach dem Unfall, dass Senna tot war. Ich spürte es einfach. Als Frentzen mich gleich nach dem Rennen fragte: „Was ist mit ihm?“, winkte ich gleich ab. Offiziell wurde es erst viel später am Abend. Als Sieger Schumacher davon erfuhr, weinte er hemmungslos hinter den verschlossenen Türen des Benetton-Motorhomes. Seine Tränen standen stellvertretend für die ganze Formel 1. Ich schaute nur noch in gelähmte Seelen, die hilflos nach Orientierung suchten und sie nicht mehr fanden. Gerhard Berger hat meine Stimmung treffend in Worte gefasst: „Mit Senna ist die Sonne vom Himmel gefallen.“

Für mich war kein Rennfahrer gestorben, sondern ein ganz besonderer Mensch. Bei mehreren Gesprächen hatten wir uns vorher kennengelernt und sind dabei ganz schnell vom Motorsport abgekommen. Wir diskutierten über das Leben an sich, über Philosophie und Glauben. Deshalb denke ich bis heute, dass Senna mit dem Tod auch seinen Frieden gefunden hat. Denn er passte nicht zu dieser Welt, deren Oberflächlichkeit nirgendwo brutaler gespiegelt wird als in den Fahrerlagern der Formel 1.

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