Das Schweigen der Lämmer

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Ausnahmsweise waren sich die Entscheidungsträger in der Formel-1-Szene einmal einig, als sie vom Tod von Jules Bianchi erfuhren. Es ist makaber, dass gerade die kollektive Trauer die DNA-einer Szene zum Vorschein bringt, in der Egoismus als oberste Tugend gehandelt wird und soziale Intelligenz als Behinderung gilt. Allein: Nur der Tod des jungen französischen Rennfahrers lässt die Formel-1-Gemeinde, die sonst sogar über die Farbe eines Wasserglases bei ihren genauso sinnlosen wie unzähligen Sitzungen streitet, in einer Sprache sprechen. Betroffenheit überall! Bei den Fahrerkollegen inklusive! Sie wirken völlig überfordert und benehmen sich wie Knaben in einem Internat, denen man gerade gesagt hat, dass der „böse Wolf“ einen von ihnen gefressen hat. Das Schweigen der Lämmer.

Was mich am meisten befremdet: Alle tun so, als wäre der Unfall des Franzosen erst gestern passiert. Verunglückt ist Jules Bianchi aber schon im Oktober vergangenes Jahres, weil er zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort war. Bianchi verlor seinen Marussia bei starkem Regen wegen überhöhter Geschwindigkeit aus der Kontrolle und prallte auf dem knapp sechs Kilometer langen Kurs auf ein tonnenschweres Bergungsfahrzeug, das in diesem Moment dort nichts zu suchen hatte. An jeder anderen Stelle des Kurses, zu jeder anderen Zeit des Rennens, wäre ihm nichts passiert. Er wäre betroffen ausgestiegen und beim nächsten Rennen wieder dabei gewesen. So aber war die Verzögerung beim Aufprall größer als jeder Körper aushalten konnte. Schon die ersten Nachrichten, die aus dem Krankenhaus in Japan drangen, waren niederschmetternd. Die Kopfverletzungen, die der Junge aus Nizza davontrug, waren zu stark, um noch Hoffnung zu haben. Nur die modernste Medizin hielt ihn „noch am Leben.“ Seine Seele starb aber schon direkt nach dem Unfall. Jetzt hatte die Natur oder wer auch immer ein Einsehen mit seiner Familie und Freunden.

Und, ja, auch wenn der Tod eines Menschen nur Positives hervorkehrt und mit dem Ableben zumeist Negatives begraben wird, muss ich zugeben: Jules Bianchi war ein netter, sympathischer Kerl. Ich spielte Fußball mit ihm, ich hatte leider auch das Pech, drei Tage vor seinem Unfall noch ein langes Interview mit ihm zu führen. Pech, weil dadurch der Unfall des armen Jules eine noch viel persönlichere Note bekam. Ich sprach mit ihm über seine vielversprechende Karriere, die über Sauber spätestens 2017 bei Ferrari ihren Höhepunkt erreichen sollte. Noch vor dem Rennen in Japan war der Deal mit den Schweizern so gut wie eingefädelt, wenn auch noch nicht verkündet worden. Bianchi, der dem Ferrari-Juniorprogramm angehörte, galt als Star der Zukunft. Mit einer gewinnenden Art des Leichtigkeit des Seins, ohne dabei oberflächlich zu sein. Erst mit 15 habe er das erste Mal an eine Profikarriere gedacht. „Ich hatte viele Schulstunden versäumt, weil ich so oft im Kart gesessen bin“, erzählte er. „Mein Vater stellte mich vor die Wahl: ,Willst Du Dich in Zukunft auf die Schule konzentrieren oder auf den Rennsport?’ Ich entschied mich für den Rennsport.“

Was er aber verschwieg: Die Schicksalsschläge, die seine Familie wegen der großen Leidenschaft für den Motorsport schon erleiden musste. Sein Onkel verunglückte bei den 24 Stunden von Le Mans tödlich. Sein Großvater wäre im Rennwagen fast verbrannt. Warum er drei Tage nach dem Interview vielleicht zu viel riskierte, nahm er  vorweg. „Wenn du mit einem schlechteren Auto fährst, ist alles schwieriger. Das Auto reagiert am Limit sehr kritisch. Trotzdem gibst du alles, du kämpfst bis zum Umfallen um dann am Ende nur 17. zu werden. Das ist für mich frustrierend. Aber es ist eine wirklich gute Erfahrung und ein Teil des Weges, um nach vorn zu kommen.“ An jenem Sonntag in Suzuka hatte aber das Schicksal leider andere Pläne mit Jules Bianchi.

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