Die Formel 1 am Scheideweg

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Was ist nur mit der Formel 1 los? Was muss passiert sein, dass – wie beim letzten Rennen in Kanada – mehr Fernsehzuschauer mehr oder weniger zur gleichen Sendezeit das Auftaktspiel der deutschen Frauenfußball-Nationalmannschaft bei der WM in Kanada verfolgten als das Formel-1-Rennen in Montreal? Dass sogar Ex-Formel-1-Piloten wie Heinz-Harald Frentzen sich nur den Start anschauten und dann das Programm wechselten. „Ich bin dann am Ende auch beim Fußball gelandet“, hat er mir berichtet, „war mir ja klar, dass das Rennen langweilig wird. Man weiß ja, wer gewinnt.“ Oder dass sich Ehefrauen von Teamchefs der Formel 1 nicht mehr für den Job ihres Gatten interessieren und lieber einen Krimi anschauen? Ist auch geschehen.

Das nachlassende Interesse an der Formel 1 nennt man kurzgesagt Krise. Konfrontiert man die Macher damit, werden sie böse und verteufeln einen. Häufigste Reaktion: „Wie kannst Du an dem Ast sägen, auf dem Du sitzt?“ Die Formel-1-Manager verschließen ignorant die Augen. Wer gewinnt will nichts ändern, weil er gewinnt. Wer verliert will alles ändern, weil er verliert. Insider Gerhard Berger ist davon ebenso enttäuscht wie ich. Der Ex-Formel-1-Star, der seinen Sport immer noch liebt, regestriert frustriert: „Jeder redet nur, stundenlang und endlos wird diskutiert – ändern aber tut sich nichts. Weil jeder nur seine eigene Sache verfolgt, aber niemand die ganze Sache sieht“

Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall. Die Zahlen belegen es eindeutig: Die Formel 1 ist kein Bringer mehr. Am deutlichsten zeigt sich das steigende Desinteresse an der Königsklasse des Motorsports anhand der Ticketverkäufe zum GP Österreich, der am Sonntag auf dem Red-Bull-Ring ausgettragen wird. Im letzten Jahr war das Event ausverkauft, die Leute waren begeistert, es war der Höhepunkt des Formel-1-Jahres. Diesmal wurden nur 50.000 Tickets im Vorverkauf abgesetzt. 40.000 weniger als im Vorjahr zur gleichen Zeit. Red-Bull-Motorsportchef Helmut Marko, der mit seinen klaren Worten und treffenden Analysen sowas wie das weiße Schaf in der Herde voll von Ignoranten ist, stellt desillusioniert fest: „Wer will schon sehen, wenn nur zwei Mercedes vorne weg fahren?“

Fest steht: Die Probleme sind hausgemacht. Die meisten Rennen sind langweilig. Überholen nur schwer möglich, deshalb hat Frentzen recht: Wer den Start gewinnt, siegt fast sicher. Dazu kommt: Es gibt fast nur Fahrer, die rüberkommen wie Mitglieder einer Boygroup. Nichtssagende Rennroboter, die sich mit nichts und niemanden anlegen wollen. Die brav die Produkte ihrer Sponsoren platzieren. Deren größtes Problem darin besteht, den schnellsten Slot der Privatmaschine zu bekommen. Das sollen also Vorbilder sein? Nur Lewis Hamilton, Kimi Räikkönen, Sebastian Vettel und – manchmal – Fernando Alonso haben zumindest das Potential, Menschen zu bewegen.

Wo aber sind die Helden von früher? Die Vorbilder, die von Fans bewundert wurden, auch wenn sie mal aneckten, weil sie nicht immer konform mit der Gesellschaft waren. Die James Hunts, Keke Rosbergs oder Ayrton Sennas? Die das Image von todesverachtenden Kampfpiloten hatten oder von Revolverhelden. Die ihre Duelle auf der Rennstrecke austrugen. Mit nichts in der Hand als einem Lenkrad und ihre Boxenbefehle bei über 300 km/h auf Boxentafeln ablesen mussten. Und manchmal bewusst übersahen.

Heute haben wir Rennfahrer, die ihr Lenkrad mit 30 Knöpfen bedienen wie die Kids ihre Steuerrungsgeräte der Playstation. Die über Funk sogar gesagt bekommen, welchen Knopf sie drücken müssen, damit das Auto schneller fährt. Die von den Ingenieuren derart überwacht werden, dass es sogar George Orwell für Utopie halten würde. Dazu kommt: Wir haben Regeln, die so kompliziert sind, dass sogar die Fahrer keinen Durchblick mehr haben. Warum soll sich dann ein Fan noch mit einer Sache beschäftigen, die er nicht mehr versteht? Früher wurde an Stammtischen über Kollisionen und waghalsige Überholmanöver diskutiert. Fast ferngesteuerte Hybridsysteme auf NASA-Niveau eignen sich zwar für Debatten in Vorstandsetagen, aber sind kein Stoff für Kneipengespräche.

Es gibt aber noch Hoffnung, dass sich was ändert. Denn nach dem Rennen in Montreal habe ich von einer SMS erfahren, die Mercedes-Chef Dieter Zetsche an seinen Teamchef Toto Wolff schrieb. Die Hauptaussage war nicht der Glückwunsch nach dem erneuten überlegenen Doppelsieg seiner Silberpfeile, sondern: „Unsere Autos waren nicht oft genug im Fernsehen.“ Das dies ob der Überlegenheit von Mercedes, die alleine auf weiter Flur vorneweg fahren, passieren könnte – das hatte F1-Chefvermarkter Bernie Ecclestone schon vorher Mercedes-F1-Aufsichtsratchef Niki Lauda prophezeit. Dessen Antwort war nur: „Macht nix, die Siegerehrung musst du ja zeigen!“ Laudas Denkfehler: Da schaute schon keiner mehr zu.

Es muss jetzt schleunigst etwas passieren, dass auch Dieter Zetsche wieder zufrieden ist. Dass Heinz-Harald Frentzen wieder ganze Rennen anschaut. Und dass auch die Frau des Teamchefs sich wieder für die Arbeit ihres Mannes interessiert. Zum Beispiel: Einfachere Regeln, weniger Technik, damit das Feld wieder ausgeglichener wird. Aber vor allen Dingen braucht die Formel 1 wieder Bestien von Autos mit 1000 PS, die nur von ganz wenig auserwählten am Limit bewegt können. Damit der Fan da draußen nicht mehr denkt, jede Autobahnfahrt heutzutage ist gefährlicher als das Steuern von Formel-1-Wagen.

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2 Kommentare

  1. Simon

    19. Juni 2015 at 6:37 pm

    „war mir ja klar, dass das Rennen langweilig wird. Man weiß ja, wer gewinnt.“

    „Wer will schon sehen, wenn nur zwei Mercedes vorne weg fahren?“

    Eigentlich ist das kein Argumennt weil wir das früher auch immer hatten: da waren es Red Bulls, davor waren es Ferraris, davor waren es Williams und davor waren es McLarens. Eine Sportart muss Dominanzen aushalten können, allerdings muss es möglich sein Dominanzen zu brechen oder zumindestens mal zu gefährden und dank des Reglements ist dies kaum möglich. Da der Rest des Produktes der F1 einfach schlecht ist (wie sie es auch sehr gut beschreiben), gibts auch nix zum kompensieren. Wer nach turn 1 vorne ist hat gewonnen (wenngleich dass speziell mehr fur Hamilton gilt der dann nix anbrennen lässt), weil es keine Faktoren gibt um zu verlieren: Kiesbetten zb gibts ja nicht mehr und der Inginieur im Ohr verhindert auch so manchen Spannungsmoment. Das ist eine gefährliche Situation aus die man raus muss.

    Das Mercedes Werbeproblem ist aber sehr lustig. Ich vermute dass sie jetzt Leistung runterdrehen damit Ferrari näher dran kommt oder sie inizieren einen Mini-Zweikampf da vorne (Mal drehen sie bei einem die Leistung runter dann beim anderen, damit sie hin und wieder wheel to wheel sind) oder sie lassen Rosberg zb etwas im Hintertreffen damit er Leute überholt und der Mercedes zu sehen ist. Dass sie wirklich jetzt dadurch Kooperationsfähig werden bezweifel ich. Aber vielleicht hat ja der Quoten Schocker mit dem Frauenfussball sie ja aufgeweckt,

  2. Ushermittwoch

    20. Juni 2015 at 8:52 am

    Das die Formel 1, man muss ja sagen, die Fortsetzung der F 1, in Deutschland nach der Ära Schumacher nicht mehr den Anklang wie früher findet, muss man denke ich auch berücksichtigen. Anfang der 90er Jahre war da auf einmal etwas neues, ein deutscher, der womöglich der beste Fahrer der Welt werden kann, das fasziniert natürlich und bewegt die Massen. Um ehrlich zu sein, welches Sequel ist so gut wie das Original? Die Wenigsten. Ich möchte nur erwähnen, dass dies zumindest eine kleine Rolle bei den teils enorm schlechten Quoten an Rennstrecke und Fernseher -zumindest bei den deutschen Fans- spielt.

    Die Formel 1 macht sich aber selbst kaputt, das ist ganz klar. Wer sieht sich Motorsport an, bei dem alle Fahrer in Runde eins, Kurve eins anfangen müssen mit den Reifen Haus zu halten? Ich schreibe im folgenden einfach mal alles auf, was mich an der momentanen Formel 1 stört und hoffe, dass ich damit nicht alleine bin.

    – Reifen, Sprit und Materialschonung pur, es gibt kein Rennen am Limit
    – Die Motoren sind schlicht zu leise, wie bei einem guten Film macht der Ton das Gros der Atmosphäre aus, klar, am TV Gerät verschwindet der Effekt ein wenig, niemals aber an der Rennstrecke. Wenn ich in manchen Foren lese, dass es einige Fans gut finden, dass der Sound jetzt so leise ist, verstehe ich die Welt nicht mehr. Ich erinnere mich -und das werde ich meine Leben lang tun- noch an das erste Formel 1 Rennen an der Strecke, als ob es gestern gewesen wäre. Es hatte etwas beängstigendes, als der Ferrari V12 zum ersten mal an meiner, aufgrund der Geräuschkulisse vibrierenden, Tribüne vorbeigefahren ist. Sollte es so nicht auch sein? Klar, das ist nichts für die ganze Familie, aber ich nehme meine Familie auch nicht mit auf ein Rock- Konzert. Es flößt Respekt ein, dass es Fahrer gibt, die diese Fahrzeuge und Motoren bändigen können und sich und das Material eineinhalb Stunden am Limit bewegen. Über den heutigen Sound muss man nicht diskutieren, er schadet der Formel 1!
    – Die Funksprüche führen dazu, dass ein Rennen noch langweiliger wird. Alles wird gefiltert und fast jeder Funkspruch, der es ins TV schafft, hat irgendetwas mit der Schonung der Reifen, des Energierückgewinnungssystems, des Motors und eines sonstigen technischen Gerätes zu tun. Ausnahmen bestätigen die Regel.
    – Ich muss mir eine APP für viel zu viel Geld kaufen, damit ich das Live Timing der einzelnen Sessions und des Rennens verfolgen kann.
    – Die Fahrer können sich viel zu viele Fehler ohne Konsequenzen erlauben. Wenn man früher von der Strecke abgekommen ist, war das Rennen so gut wie vorbei.
    – Es gibt viel zu viele Personen mit viel zu viel Einfluss.
    – Zu wenig Power, zu langsam, zu viel Luftverwirbelung, zu wenige Rad an Rad Duelle!
    – Die F1 an der Rennstrecke ist viel, viel zu teuer!!!

    Irgendwann in den letzten Monaten kam das Gerücht auf, dass Red Bull die Formel 1 “kauft” und nicht mehr mit einem eigenem Team teilnimmt. Ich habe mir viele Gedanken darüber gemacht und mittlerweile denke ich, warum eigentlich nicht? In Sachen Vermarktung, Übertragung, Reglement, Eintrittspreise und Action, kann es doch nur besser werden.

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