Diese Hände haben Senna massiert

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Heute wäre Ayrton Senna 55 Jahre alt geworden. Aus Anlass dieses speziellen Tages, können Sie hier einen Tag lang die Kolumne (in vollständiger Länge) lesen, die sein Physiotherapeut Jo Leberer im vergangenen Jahr zum 20 . Todestag der Formel-1-Legende in AUTO BILD MOTORSPORT geschrieben hat.

Ab hier schreibt Josef Leberer: “Ganz leicht sind diese Erinnerungen nicht für mich, denn das war damals schon ein ganz spezielles Wochenende in Imola vor 20 Jahren. Alles ging los mit dem Crash von Rubens Barrichello. Ayrton ist gleich hin ins Medical Center und hat sich um seinen Landsmann gekümmert. Das hat ihn schon geschockt. Auch am Samstag, nach dem tödlichen Unfall von Roland Ratzenberger ist Ayrton gleich mit einem Marshall rausgefahren an die Unfallstelle und hat mit dem damaligen Rennarzt Sid Watkins geredet. Als er zurückgekommen ist, sagte er mir: Der ist tot. Ayrton war extrem angespannt in dem Moment, richtig mitgenommen. Außerdem hat es ihn furchtbar geärgert, dass die Leute vor Ort ihn weggeschickt haben mit der Begründung, er hätte da nichts zu suchen. So ärgerlich habe ich ihn noch nie gesehen, dass er sagt: Wir riskieren unser Leben und die wollen mir sagen, was gefährlich ist.

Abends sind wir wie immer in ein Restaurant gegangen. Im Gespräch hat sich aber alles um den Unfall gedreht. Er konnte überhaupt nicht abschalten. Das Schicksal eines Fahrerkollegen hat ihn sehr mitgenommen. Die ganze Diskussion drehte sich deshalb um den Sinn des Lebens und des Rennfahrens. Er wollte nicht mal mehr die übliche Therapie haben, sondern hat lieber mit seiner Familie telefoniert.

Das hat mich aber nicht gewundert. Für viele Zuschauer ist er als rücksichtsloser und beinharter Rennfahrer bekannt gewesen. So war er aber nicht. Wenn wir zusammen durch Brasilien gefahren sind und er die Armut gesehen hat, hab ich schon gemerkt, dass ihm das nicht egal ist. Da war immer diese andere Seite von ihm – die neben dem talentierten und erfolgshungrigen Mann. Da war immer auch der Gerechtigkeitsfanatiker, der sich für die Armen eingesetzt hat. Öffentlich machen wollte er das nie, weil er sich noch nicht mächtig genug fühlte, um die Verhältnisse wirklich zu ändern. Schritt für Schritt wollte er sich auch da weiterentwickeln. Trotzdem ist da schon relativ viel gewesen: Kinderspitäler, die er unterstützt hat oder auch Arbeitslosenverbände. Aber er hat es nie an die große Glocke gehängt.

Auto Bild Motorsport im Mai 2014: Leberer über Senna

Auto Bild Motorsport im Mai 2014: Leberer über Senna

Das war wie beim Rennfahren: Er war ein Perfektionist. Immer weiter ans Limit, immer weiter, immer weiter; so tickte er. Und wenn man das gesehen hat: Was er für Brasilien bedeutet und was Brasilien für ihn bedeutet. Sein Credo: Alle zwei Wochen kann ich die Menschen glücklich machen, indem ich alles für sie gebe. Das war authentisch, nicht einfach nur daher gesagt. Und diese Ausstrahlung, diese Aura und extreme Stärke ist auch rübergekommen. Das merke ich heute noch: Teilweise werde ich von Ferrari-Mechanikern gefragt, ob sie mich mal berühren dürfen…

Zurückhaltend ist er immer geblieben, mit den Jahren ist er aber grundsätzlich ruhiger und souveräner geworden. Und er konnte Fehler zugeben. Ein ganz wichtiger Charakterzug. Ohne Selbstkritik kann man sich nicht weiterentwickeln. Er wollte immer in den Spiegel schauen können.

Ich habe schon bei Lotus mit Ayrton zusammengearbeitet. Seit 1988 war ich bei McLaren dabei. Ich war verantwortlich für die Fitness von Prost und Senna. Ein Sprung ins kalte Wasser! Ich habe auch gekocht für die Jungs und hatte sogar eine eigene Versuchsanstalt für Müsli. Ayrton hat viel Wert gelegt auf gesunde Ernährung. Beide waren sehr korrekt, haben nicht versucht mich politisch auszuspielen.

Ayrton hat nicht viele Leute an sich herangelassen. In gewisser Weise war er sehr misstrauisch. Unsere Freundschaft hat sich so ergeben. Gleich beim ersten Rennen 1988 in Rio de Janeiro hatte Alain Prost einen schweren Unfall. Er hatte extreme Kopfschmerzen, war ganz weiß und blau. Ich habe ihn dann therapiert, intuitiv gemacht, was möglich ist. Mit Akkupressur und was mir alles eingefallen ist. Danach war ich total ausgelaugt und hab mich schlafen gelegt. Später rief Prost an: „Was hast Du gemacht? Ich habe keine Schmerzen mehr, dafür Hunger!“

Er hat am Sonntag das Rennen gewonnen. Ein fantastischer Einstand für mich. Senna war ausgefallen. Am Abend klingelt das Telefon. Ayrton am Apparat und hat mich mit Freunden zum Essen eingeladen – ausgerechnet in Brasilien, wo jeder Schlange gestanden hätte, um mit dem Superstar essen zu gehen. Und der fragt mich! Da war er wieder dieser Gegensatz zwischen der Härte im Auto und der Sensibilität außerhalb. Er hat anscheinend gemerkt, dass ich extrem genau arbeite und er sich bei mir entspannen kann. Dazu kam natürlich die Diskretion. Deshalb hat sich mit der Zeit ein Vertrauensverhältnis aufgebaut.

Entsprechend habe ich auch am Sonntag gemerkt, wie angespannt er war. Normalerweise sind wir immer zusammen mit dem Auto zur Strecke gefahren. Diesmal nahm er den Hubschrauber. Der ganze Vormittag stand im Zeichen dessen, was am Tag zuvor passiert war. Dann war da noch die Diskussion mit Sid Watkins, der ihm sagte: Lass uns fischen gehen! Hör auf mit der Formel 1! Der hat ihn ja auch gekannt und gemerkt, dass nicht alles in Ordnung war. Ayrton erwiderte, er könne das nicht machen, Formel 1 sei seine Bestimmung. Lust hat er aber nicht unbedingt gehabt.

Dazu kam, dass bei Benetton nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Und dass die Reifen hinterm Safetycar einfach zu kalt werden. Das hatte Ayrton ja auch schon kritisiert. Politische Probleme in der Formel 1, die in ihm rumorten. Ich will es nicht übertreiben, aber merkte, dass irgendetwas nicht normal war. In der Startaufstellung hat er dann noch einmal den Helm abgenommen, etwas getrunken und mich angeschaut. Die Masse hatte Gerhard Berger zugejubelt, der für Ferrari fuhr. Da hat Ayrton gegrinst, weil er ein gutes Verhältnis zu Gerhard hatte und viel Blödsinn mit ihm angestellt hat. Das war das letzte Mal, dass ich Ayrton bei Bewusstsein sah.

Als ich den Unfall am Bildschirm sah, wusste ich sofort: Jetzt ist’s vorbei. Ich bin losgelaufen und habe Sid Watkins getroffen. Der hat mich nur angeschaut, ohne etwas zu sagen. Ich wurde dann geholt, um Ayrtons Bruder in Bernies Bus zu trösten. Nach einer Weile sind wir nach Bologna ins Krankenhaus geflogen worden. Dort hat man uns gesagt, es gebe keine Hoffnung. Die Gehirnverletzungen sind so schwer, dass man nichts mehr machen kann. Ich bin dann noch einmal rein ins Krankenzimmer. Das ist schon heftig gewesen. Du kennst jede Faser vom Körper und siehst ihn da dann an der Herz-Lungen-Maschine hängen.

Ich habe Gerhard Berger anschließend versucht davon abzuhalten, ebenfalls ins Zimmer zu gehen. Er wollte ihn aber unbedingt noch einmal sehen. Er und ich hatten einen guten Freund verloren. An Abend wurden die Geräte abgestellt. Die Familie wollte, dass ich den Sarg nach Brasilien begleite. Am Dienstag sind wir mit der Vareg von Paris nach Sao Paulo geflogen. Das war ganz eigenartig. Die Mittelreihe der Business Class war ausgeräumt. Da stand der Sarg. Die Familie wollte nicht, dass er im Laderaum transportiert wird. Die Passagiere in der Economy hatten keine Ahnung.

Auf dem Sarg lag eine brasilianische Flagge mit einer Rose darauf. Elf Stunden, in denen ich viel Zeit hatte, mich von Ayrton zu verabschieden. Als wir in den brasilianischen Luftraum eingetreten sind, ging die Sonne auf und zwei Düsenjäger gaben der Maschine Geleit. Ich muss jetzt noch aufpassen, dass mir nicht die Tränen kommen.

Die Anteilnahme in Brasilien war extrem. Die Menschen säumten den Straßenrand. Arm und reich, schwarz und weiß, jung und alt. Sie sind neben uns hergelaufen, haben gekniet, gebetet oder applaudiert. Die Nation stand still. So etwas habe ich nie zuvor und nie wieder erlebt. In den drei Tagen der Trauer gab es keine Kriminalität, keine Morde. Unvorstellbar für die damaligen Verhältnisse. Für sie ist ihre Hoffnung gestorben. Für mich ein Freund und ein ganz besonderer Mensch.

Was ohne den Unfall passiert wäre? Ich denke, er wäre zu Ferrari gegangen. Da bin ich mir fast sicher. Damals hieß es immer, dass nur er das Team noch retten könne. Diese Aufgabe hat dann Michael Schumacher übernommen.”

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