Krisengipfel der Formel 1 – Teil 1

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Für SPORT BILD und AUTO BILD MOTORSPORT haben wir Formel-1-Chefvermarkter Bernie Ecclestone, Mercedes-Sportchef Toto Wolff und Red Bull-Teamchef Christian Horner zum Elefantengipfel an einen Tisch bekommen. Lesen Sie hier das ganze Interview.

 

Herr Horner, Red Bull hat mit dem Ausstieg aus der Formel 1 gedroht. Was ist Ihr Problem?
Christian Horner: Zunächst möchte ich klarstellen: Regeln sind Regeln und Mercedes hat unter diesem aktuellen Regelwerk einen fantastischen Job gemacht. Das erkennen wir an. Die viel wichtigere Frage ist aber: Kann es so weitergehen? Und diese Frage muss man Bernie Ecclestone stellen. Bernie, was hältst Du von den Motoren?

Ecclestone: Motoren? Das sind doch gar keine Motoren. Man nennt sie Antriebseinheiten. Die werden nie in einem Auto, einem Boot oder einem Flugzeug eingesetzt werden. Wir sind über das Ziel hinausgeschossen. Als die Regeln geschrieben wurden, hat niemand darüber nachgedacht, was da wirklich bei rauskommt. Es ist ein wundervolles Stück Ingenieurskunst. Aber nichts für die Formel 1. Wir müssen spektakulären Sport bieten, keinen Vorreiter in der Automobiltechnologie spielen. Mercedes hat nichts falsch gemacht. Die Regeln sind Müll. Wenn ich ein Team hätte, das einen genauso guten Job gemacht hätte wie Mercedes, würde ich die Regeln auch loben. Und mir wäre sch… egal, was die Konkurrenz sagt.
Wolff: Das ist ja auch mein Job. Ich muss die beste Performance unter den bestehenden Regeln rausholen. Natürlich kann man hinterfragen, ob die Regeln gut oder schlecht sind für die Formel 1. Aber das steht nicht auf unserer Agenda. Wenn ein Team jahrelang überlegen war und nach einer Regeländerung seine Dominanz verloren hat, gibt es natürlich Kontroversen. Das ist Teil des Spiels in der Formel 1. Aber genauso ist es mein Job unseren Vorsprung jetzt zu sichern.

Ecclestone: Toto, sag mir eins: Wo wären Williams oder Force India jetzt, wenn sie einen Renault-Motor hätten?
Wolff: Ich gebe ja zu: Unser Motor ist für diese Teams ein großer Vorteil.

Spielt der Fahrer heutzutage bei all der Technikdominanz eine zu untergeordnete Rolle?
Ecclestone:
Natürlich. Wir haben doch kaum noch Helden! Dabei gibt es eine ganze Reihe brillanter Fahrer, die mit einem Mercedes regelmäßig gewinnen könnten. Sebastian Vettel, Fernando Alonso, Lewis Hamilton. Wenn die drei sich in ebenbürtigem Material Rennen für Rennen und nicht nur ausnahmsweise mal duellieren könnten, wäre das doch grandios. Aber in dieser Formel 1 ist es unmöglich. Nicht die Menschen sind die Helden, sondern die Maschinen.

Würden Sie die Motorregeln also ändern, wenn Sie könnten?
Ecclestone:
Ja, sofort! Ich würde wahrscheinlich einfach auf die Motoren zurückgreifen, die wir vorher hatten. Die Fans mochten die Lautstärke, die Teams die geringen Kosten und das Racing war auch besser. Wenn das nicht geht, habe ich eine andere Idee: Mercedes sollte alle Teams mit Motoren beliefern. Das Resultat wäre für den Sport dasselbe.

Fakt ist doch, dass Renault am lautesten nach den V6-Hybridmotoren geschrien hat. Und jetzt drohen auch sie mit Ausstieg.
Ecclestone:
Ich sage ja, niemand sollte Mercedes dafür verantwortlich machen, dass die Fans weglaufen. Es ist nicht ihr Fehler.
Horner: Damals war das Management bei Renault noch ein anderes, es war eine andere Zeit. Außerdem dachten sie, dass diese Technik Relevanz für den Serienbau haben könnte. Aber ist es nicht so, dass drei Faktoren in der Formel 1 gleichwertig sein sollten? Ich spreche vom Fahrer, vom Chassis und vom Motor. Im Moment stimmt das Verhältnis nicht: Die Autos sind zu leicht zu fahren, die Motoren zu dominant. Billige Motoren mit 1000 PS wären die Lösung. Die Fans würden es lieben.
Wolff: Wir drei haben offenbar unterschiedliche Ziele: Bernie braucht laute, spektakuläre Motoren, enge Rennen, gegeneinander kämpfende Persönlichkeiten als Fahrer. Red Bull steht weniger für Hightech, sondern sind ein reines Rennteam. Für uns als Mercedes ist die Technologie besonders wichtig…

Niki Lauda steckt seinen Kopf durch die Tür.
Ecclestone: Wir sind beschäftigt, Lauda.
Lauda: Guten Tag zusammen!
Ecclestone: Noch einmal: Schließ doch bitte die Tür, wir sind beschäftigt. Warte draußen! Der ist so unhöflich. Einfach in Meetings anderer Leute reinzuplatzen.

Wolff: …Das sind also die Fakten – und jeder von uns versteht auch den anderen. Wir haben die Aerodynamik seit vielen Jahren immer wieder abgerüstet – und trotzdem würden die aktuellen Autos die Rundenzeiten der V8-Ära immer noch schlagen.
Ecclestone: Aber warum ist das so?
Wolff: Weil die Autos extrem schnell auf den Geraden sind. Und wenn du mit Lewis und Nico sprichst, sagen sie: Der Abtrieb ist unglaublich, wie früher.
Ecclestone: Aber je mehr Kraft du hast, desto mehr Abtrieb brauchst du. Das Verhältnis stimmt trotz allem nicht.

Krisengipfel in SPORT BILD

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Wie kommen wir nun also zu einer Lösung des Problems? Der Formel 1 laufen die Fans weg. Es muss also etwas geändert werden.
Ecclestone: Absolut. Der einfachste Weg: andere Motoren.
Wolff: Dagegen spricht: Wir haben viel Geld in die aktuellen Antriebseinheiten investiert. Einige haben einen besseren Job gemacht, andere einen weniger guten. Jetzt sitzen wir hier. Die Plattform Formel 1 ist für uns alle wichtig.
Ecclestone: Noch ein Vorschlag an Mercedes: Warum gebt Ihr nicht nur so viel Geld aus wie Force India? Das würde auch helfen. Im Ernst: Das ist doch alles Müll. Wir haben Meetings in denen nur darüber diskutiert wird, wann wir das nächste Meeting haben. Wir hocken vier oder fünf Stunden zusammen und niemand hat die Eier etwas zu tun. In der Strategiegruppe könnten die FIA und der Rechteinhaber alles alleine durchbringen. Doch dann schreit wieder jemand und sagt, dass das ein Regelbruch wäre. Wenn ich allein das Sagen hätte, würde ich sagen: Kann sein, nimm Dir einen Anwalt und verklag mich! Aber wir sitzen da und warten darauf, dass die Formel 1 verschwindet.

Liegt der Stillstand auch daran, dass FIA-Präsident Jean Todt so sehr für die neuen Motorregeln war, dass er jetzt sein Gesicht verlieren würde, wenn die Antriebseinheiten wieder abgeschafft würden?
Ecclestone: Der FIA-Präsident ist in einer schwierigen Position. Er will niemanden verärgern. Er will alle glücklich machen. Unglücklicherweise ist das nicht so leicht.

Herr Horner, als Sie die WM viermal in Folge gewonnen haben, wollten andere Teams Sie damals auch durch Regeländerungen schwächen?
Horner: In der Tat wurden die Regeln in dieser Zeit aus genau diesem Grund mehrfach geändert. Erst kam das Tankverbot, dann die Pirelli-Reifen, es gab Doppeldiffusoren, angeblasene Diffusoren, dann kastrierte Diffusoren, flexible Flügel wurden verboten, Motoreinstellungen eingeschränkt, sogar während der Saison. Das ging aber nicht nur uns so, das passierte auch McLaren schon, als die Ende der 90er dominierten.

Und ist der Mercedes-Vorsprung jetzt zu groß, um etwas zu ändern?
Ecclestone:
Der Ärger, den die anderen Teams mit Mercedes haben, sieht so aus: Sie haben das beste Team, das beste Chassis, den besten Antrieb. Bei den Teammanagern bin ich mir nicht so sicher (lacht ironisch).
Wolff: Und zwei sehr, sehr gute Fahrer, die sich gegenseitig pushen.
Ecclestone: Entschuldigung, die besten Fahrer haben sie auch noch! Sie sollten also sogar gewinnen.

Könnte Lewis Hamilton die WM in diesem Jahr aber auch in einem Red Bull gewinnen?
Ecclestone:
Nein.
Horner: Dabei haben wir dasselbe Team, das wir auch in unserer siegreichen Zeit hatten. Nur das Motorreglement hat sich geändert. Und wir wissen ganz sicher, dass wir in Sachen Fahrbarkeit und PS weit hinter Mercedes liegen.
Ecclestone: Wenn alle die gleichen Motoren hätten, ginge es um das beste Team mit den besten Fahrern.
Wolff: Aber man kann doch sehen, dass Ferrari aufgeholt hat. Und es war auch gut für die Formel 1, dass sie uns in Malaysia besiegen konnten. Sogar Sauber hat mit dem Ferrari-Kundenmotor einen Riesenschritt nach vorne gemacht. Natürlich ist Mercedes noch die Messlatte, aber die anderen kommen näher.
Ecclestone (ironisch): Stimmt, sie sind jetzt nur noch ein paar Sekunden hinter Euch. Das ist nicht Euer Fehler. Es ist das Problem der anderen, die eben nicht gut genug gearbeitet haben.

LESEN SIE WEITER IN TEIL 2!

 

TRANSLATION INTO ENGLISH

Mr Horner, Red Bull has threatened to leave Formula One. What is your problem?
Christian Horner: First of all, I would like to clarify that rules are rules and Mercedes has done a fantastic job within the framework of the current regulations. We do acknowledge this. However, the bigger question is what the future holds. We should ask Bernie Ecclestone. Bernie, what do you think about the engines?
Ecclestone: Engines? These are no engines. They are called power units. They will never be used in a road car, a boat or an aeroplane. We have gone too far. When the rules were written, nobody really thought about the actual result. It is a great piece of engineering. But it has nothing to do with Formula one. Our sport must be spectacular, we don’t need to be the precursor for automotive technology. Mercedes did nothing wrong. The regulations are rubbish. If I had a team that had done the job as well as Mercedes, I would praise the regulations as well. And I really wouldn’t give a damn what the competition says.
Toto Wolff: This is my role. I have to achieve the best performance within the possibilities of the current regulations. Of course you can question if these regulations are good or bad for Formula One. But that’s beyond our agenda. When a team has been very successful for years and then lost its dominance due to a change in regulations, that certainly creates controversy. But that’s part of the game in Formula One. My job is to keep our advantage.
Ecclestone: Toto, tell me one thing: Where would Williams or Force India or Lotus be right now if they had a Renault engine?
Wolff: Yes, I have to admit that the engine is a big advantage for these teams.

Nowadays, technology dominates. Does this mean the driver is less important?
Ecclestone: Of course. We have very few heroes left! Even though there are many great drivers who could win regularly in a Mercedes: Sebastian Vettel, Fernando Alonso, Lewis Hamilton. It would be perfect if those three had equally good cars and could fight each other each race and not just from time to time. But with Formula One as it is today, that is not possible. Not the people are heroes, the machines are.
Would you change the engine regulations if you could?
Ecclestone: Yes! I would probably just use the engines we had before. The public seemed to like the noise, the teams seemed to like the costs and the racing was better too. But if that’s not possible, I’d like Mercedes to supply every engine to the teams. The result would be the same for the sport.

But it is a fact that Renault wanted the V6 hybrid engines the most. And now they too are threatening to leave.
Ecclestone: That’s why I say nobody should blame Mercedes. It’s not their mistake.
Horner: The management was different then at Renault. It was a different time. Plus they thought that this technology would be relevant for road cars. But shouldn’t there be three factors in Formula One that are the same? I am talking about the driver, the chassis and the engine. At the moment the weighting isn’t quite right. The cars are too easy to drive. The engines are too dominant and too expensive. Cheaper engines with 1000 hp would be the solution. The fans would love it.
Wolff: Apparently the three of us have different targets. Bernie needs loud and spectacular engines, close racing and drivers that are personalities and fight each other on the track. Red Bull’s emphasis is less on high-tech as they are a pure race team. For us at Mercedes the high-tech story is very important…

Niki Lauda sticks his head around the door.
Ecclestone: We are busy, Lauda.
Lauda: Good afternoon, everybody!
Ecclestone: Once again, would you mind to shut the door, we are busy. Wait outside. He is so bloody rude. To gatecrash other people’s meetings.

Wolff: … So these are the facts. We all understand each other. For many years now we have reduced the aerodynamics and still the current lap times would beat those of the V8 era.
Ecclestone: But why is that?
Wolff: Because the cars are bloody fast on the straights. And if you speak with Lewis or Nico, they say: The downforce is incredible, like in the old days.
Ecclestone: But the more power you’ve got, the more downforce you need. The relation is not right.
Wolff: The whole package is important.

So how do we find a solution to the problem? Formula One is losing its fan base. So something needs to be changed.
Ecclestone: Absolutely. The easiest way: different engines.
Wolff: But we have decided to go for these regulations a couple of years ago. We have invested a lot of money. Some have done a better job than others. Now here we are. Formula One as a platform is important for all of us.
Ecclestone: Here’s another proposal for Mercedes. Why don’t you just spend the same amount of money than Force India? That would help too. But seriously: That’s all rubbish. We have meetings where we discuss when we have the next meeting. We sit together for four or five hours and nobody has got the balls to do anything. In the strategy group, the FIA and the commercial rights holder have the votes to put anything through – without any drama. Then somebody screams: “But this is a breach of the regulations.” If I was running things, I would say: You are probably right, take a good lawyer and go to arbitration. But we sit here and wait for Formula 1 to disappear.

Is that also because FIA-president Jean Todt is in favor of the new power units?
Ecclestone: The FIA president is in a difficult position. He doesn’t want to upset anbody. He wants to make everybody happy. Unfortunately that’s not that easy.

Mr Horner, when you won the championship four times in a row, did other teams want to weaken you at the time by changing the regulations?
Horner: Actually, the rules were changed a few times then. First, refueling got banned, then the new Pirelli tyres arrived. After that came the double diffusors, blown diffusors and restricted diffusors. The flexible bodywork got banned and engine mapping got restricted, during the season actually. But that wasn’t unique to Red Bull. McLaren had the same when they were dominating at the end of the 90s.

Is the Mercedes advantage too big now in order to change something?
Ecclestone: The trouble the other teams have with Mercedes is this one: They have the best team, probably the best chassis, the best power unit. I’m not sure about team managers (laughs ironically).

Wolff: And two great drivers who push each other.
Ecclestone: Sorry, that’s correct. They have two very good drivers as well. They should win.

Would it be possible for Lewis Hamilton to win this year’s championship in a Red Bull?
Ecclestone: No.
Horner: Strangely, we have the same team that we had when we were winning. Only the engine regulations changed. And we are behind in engine power and drivability compared to Mercedes.
Ecclestone: If everybody had the same engines, it would be about the best teams and the best drivers.
Wolff: But you can see that Ferrari has caught up. And it is good for Formula One that they could win against us in Malaysia. Even Sauber has made a huge step forward with the Ferrari customer engine. Of course, Mercedes is still the benchmark but the others are catching up.
Ecclestone (ironically): Right, now they are still only some seconds behind. It’s not your fault. Mercedes has done nothing wrong, the others have done nothing right.

READ THE SECOND PART OF THE INTERVIEW HERE!

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