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Die Formel 1 braucht Helden

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Schneller sollen sie wieder werden, mit über 1000 PS und wesentlich schwieriger zu fahren. Kurz: Die Formel-1-Macher wollen aus den Autos der Königsklasse wieder unzähmbare Bestien machen. Das hat die so genannte Strategiegruppe Anfang Januar in Genf beschlossen. Frühestens 2016, spätestens aber 2017 soll es wieder soweit sein – ohne dass die aktuellen V6-Turbomotoren komplett neu designt werden müssten. Stattdessen sollen eine höhere Benzindurchflussmenge, höhere Drehzahlen, kleinere Designänderungen sowie eine Anhebung der maximal erlaubten Spritmenge von 100 Kilogramm genug sein, damit die aktuellen Motoren die 1000-PS-Marke erreichen können.

Die Ideen werden noch in diesem Monat von den Technikchefs der Teams besprochen. Gleichzeitig sollen die Autos selbst wieder wilder gemacht werden. Weniger Elektronik, dafür breitere Reifen und eine veränderte Aerodynamik, welche deutlich höhere Kurvengeschwindigkeit zulässt. Kurz: Die Königsklasse soll wieder von Königen am Lenkrad gesteuert werden und nicht mehr von 17 jährigen, die keinen Führerschein haben, aber deren Perfektionismus in Computerspielen reicht, einen heutigen Formel-1-Wagen am Limit bewegen zu können.

Die Formel 1 soll wieder attraktiver werden, damit die Fans zurück vor die Bildschirme und an die Strecken gelockt werden. Der Ansatz ist richtig. Aber können die Verantwortlichen auch mit den Konsequenzen leben? Denn, seien wir ehrlich: Formel-1-Piloten waren früher Helden und der Sport deshalb so interessant, weil in jedem Rennen ein schwerer Unfall passieren konnte und kein Fahrer wusste, ob er nach dem Grand Prix selbst seine Koffer aus dem Hotelzimmer schleppen konnte.

In der Antike gingen Menschen aus dem gleichen Grund zu Gladiatorenkämpfen. Heute sind Formel-1-Autos mehr oder weniger ferngesteuerte Raumschiffe, in denen die Piloten nur noch unnötiger Ballast geworden sind. Schwere Unfälle mit 300 km/h überstehen sie fast immer ohne grosse Kratzer. Selbst bei Jules Bianchis Unfall in Suzuka mussten schon extrem ungewöhnliche Dinge zusammenkommen, um seine schwersten Kopfverletzungen zu verursachen. Beim Franzosen stand ein tonnenschweres Bergungsfahrzeug im Weg.

Und genau das ist die Krux: Das extreme Sicherheitsdenken der Formel-1-Verantwortlichen führte dazu, dass jeder Fan sich bei seiner Fahrt über deutsche Autobahnen gefährdeter fühlt als die Fahrer bei ihren Grand-Prix-Rennen. Die Wahrheit ist: Fast jede Sportart ist heute gefährlicher als Formel-1-Rennen. Das aber ist nicht mehr der Stoff, aus dem Träume gebastelt werden können. Und schon gar keine Helden mehr.

Das hat sogar Sebastian Vettel erkannt. „Das Formel-1-Fahren ist zu einfach geworden. Sie ist nicht mehr gefährlich genug, ihr fehlt das Besondere,“ hat er mir erst vor wenigen Wochen gesagt. Vettel will nicht im Entferntesten sein Leben oder das seiner Kollegen gefährden, aber gemeint hat er es trotzdem: Der Reiz und das Abenteuer sind nicht mehr da. Warum ist Niki Lauda heute ein Weltstar? Jeder weiß es. Nicht seine drei WM-Titel, sondern seine Brandnarben vom schrecklichen Feuerunfall am Nürburgring haben ihn dazu gemacht.

Ich habe mich oft mit Marc Surer unterhalten. Surer, Ex-Formel-1-Pilot, ehemaliger Rennleiter von BMW und heute der mit Abstand kompetenteste Formel-1-Experte im Fernsehen (er arbeitet bei Sky), ist selbst ein gezeichneter seiner Leidenschaft, die er überlebt hat. Er humpelt immer noch wegen seiner schweren Beinbrüche, die er sich Anfang der 80er bei schweren Formel-1-Unfällen zugezogen hat. Er hat Brandwunden am Arm von einem Rallyeunfall, bei dem sein Beifahrer den Tod fand. Schlimmer aber noch: Er verlor 1985 innerhalb von drei Wochen zwei Freunde und Kollegen. Stefan Bellof beim Sportwagenrennen in Spa und drei Wochen vorher – ebenfalls beim Sportwagenrennen – seinen Freund und Teamkollegen Manfred Winkelhock.

Einige Minuten vor Winkelhocks fatalem Reifenplatzer in Mosport (Kanada) hatte der Waiblinger das Auto von Surer übernommen. Surer: „Manfred hatte keine Chance, bei 240 platzte ein Reifen, das Auto bog sofort in die Mauer ab und er erlitt zu schwere Kopfverletzungen. Ich durfte gar nicht darüber nachdenken, dass es mich vielleicht auch hätte treffen können. Man macht sich unbewußt Vorwürfe und fühlt sich sogar irgendwie schuldig, dass man selbst Glück hatte, der Freund aber nicht.“

Nach Imola 1994 passierte etwas Faszinierendes und Trauriges zugleich. Roland Ratzenberger verunglückte am Samstag tödlich, sonntags Ayrton Senna. Und, seien wir ehrlich: Erst der Tod hat Senna zur Legende und damit unsterblich gemacht. Die Einschaltquoten schossen nach dem Grand Prix von San Marino jedenfalls drastisch in die Höhe. Es gibt niemand offen zu, aber genau deshalb sollen die Formel-1-Autos wieder schneller und unzähmbarer werden. Das Schlimme ist: Es wird funktionieren. Denn sind wir am Ende nicht alle auch gerne Gaffer?

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