Glock: „Vettel wird sich an keine Stallorder halten“

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Vettel Ferrari Credit: Ferrari
Vettel Ferrari Credit: Ferrari

F1-Insider.com sprach mit RTL-Experte Timo Glock über die bevorstehende Saison, Vettel und Ferrari, Max Verstappen und die DTM

Herr Glock, wie sehr hat Sie das Formel-1-Aus von RTL geschockt? Sie haben sich dort ja in den vergangenen Jahren einen Namen als Experte gemacht.

Glock: Es war ein Schock und ich habe nicht damit gerechnet. Aber durch die wirtschaftliche Situation wegen der Corona-Krise kann man den Schritt auch nachvollziehen. Andere haben wesentlich mehr für die Fernsehrechte in Deutschland geboten, da wollte RTL wohl nicht mehr mitgehen. Das ist sehr schade.

2020 sind Sie aber noch dabei…

…erst mal aber nur vom Studio in Köln aus. Es gibt noch ein Problem: Wir haben einige Überschneidungen mit DTM-Rennen. Da muss man jetzt schauen, welche Rennen ich machen kann. Beim ersten Rennen am Wochenende in Österreich bin ich auf jeden Fall von Köln aus dabei.

Was können wir vom ersten Rennen am Wochenende erwarten. Gibt es wieder eine Hamilton/Mercedes-Dominanz?

Die Teams hatten eine Menge Zeit ihre Autos zu entwickeln. Geht man aber von den Tests im Februar in Barcelona aus, hat sich vorne nicht viel verändert. Mercedes ist vorne, Red Bull hat aufgeholt und Ferrari einen Rückschritt gemacht.

Kann man also von einem Vierkampf um den Titel ausgehen oder läuft es auf ein Duell von Mercedes-Superstar Lewis Hamilton gegen Red-Bull-Megatalent Max Verstappen hinaus?

Das glaube ich am ehesten. Bottas muss aus dem Schatten von Lewis heraus, das halte ich aber für schwierig. Bei Red Bull ist Verstappen für mich klar der Nummer-1-Pilot.

Als ehemaliger Formel-1-Pilot mit mehreren Podiumsplätzen: Sieht man da sofort, dass mit Verstappen da ein ganz besonderes Talent in der Szene gerade seinen Weg macht?

Ja. Schon im Kartsport und dann in der Formel 3 war sein spezielles Talent zu sehen. Er hat am Anfang einige Fehler gemacht, die aber nach und nach minimiert. Das zeichnet die Besten aus: Dass sie auch aus ihren Fehlern lernen und dann den nächsten Schritt machen. Grundsätzlich war und ist es aber der unglaubliche Speed, der ihn ausmacht. Ich denke, er ist dieses Jahr schon reif für den Titel, wenn er das Auto dafür hat.

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Sind Sie überrascht, dass die Ehe ihres Kumpels Sebastian Vettel Ende diesen Jahres zu ende geht?

Am Anfang schon. Ich dachte wirklich, Sebastian hängt noch ein Jahr oder zwei dran. Wenn man aber genauer darüber nachdenkt, sein Stress mit Teamkollege Leclerc, mit Ferrari, wo die Dinge nicht mehr in seine Richtung liefen – da war es am Ende schwer, einen gemeinsamen Nenner zu finden.

War der Stress mit Leclerc der Hauptgrund für ihn Ferrari zu verlassen?

Das glaube ich, ja. Ferrari hat mit einem Fünf-Jahres-Vertrag ja nur allzu deutlich klar gemacht, auf wen man in Zukunft setzt. Das war auch Sebastian bewusst. Das hat ihn zum Nachdenken gebracht. Besonders dass Leclercs-Management einen starken Einfluss auf Ferrari hat.

Was ist vom Ferrari-Zweikampf unter diesen Umständen in dieser Saison zu erwarten? Wird Ferrari fair spielen?

Auf jeden Fall wird Sebastian sich in seinem letzten Jahr nichts sagen lassen. Selbst wenn es eine Stallorder geben würde, er wird sie nicht beachten, sich nicht dran halten, weil er nur für sich fahren wird und versuchen, das Beste für sich herauszuholen. Deshalb könnte es sehr interessant werden, wenn die beiden aufeinandertreffen. Die einzige Möglichkeit, die Ferrari hat, Leclerc zu bevorzugen, ist die Rennstrategie. Ich kann mir aber vorstellen, dass Sebastian schon vorher einen Plan hat, das zu verhindern.

Vettel will nicht aufhören. Heißt das, dass jedes Rennen für ihn auch eine Bewerbungsfahrt für 2021 sein wird?

Ja, das stimmt. Die Frage ist: Will er unbedingt in einem Topteam fahren oder begnügt er sich auch mit einem Team, dass unter die Top fünf fahren kann. Es gibt aber nicht mehr viele Optionen. Meiner Meinung nach nur Mercedes und Red Bull von den Topteams oder Renault, die aber nicht in der Lage sind, um die WM zu fahren.

Können es sich die Macher der Formel 1 leisten, einen viermaligen Weltmeister zu verlieren, der immer noch auf der höchsten Stufe seines Könnens fahren kann?

Eigentlich nicht. Ein Kaliber wie Sebastian zu verlieren, wäre ein extremer Verlust für den Sport. Die Vermarkter haben zwar einen gewissen Einfluss, aber leider nicht so viel, dass sie bestimmen können wer wo fährt. Das entscheiden immer noch die einzelnen Teams selbst.

Mick Schumacher ist der einzige Deutsche, der sich als Ferrari-Junior schon in der Pipeline für die Königsklasse befindet. Wie bewerten Sie seine Chancen, 2021 ein Cockpit zu bekommen?

Das hängt viel davon, wie seine Saison in diesem Jahr in der Formel 2 verläuft. Macht er da den nächsten Schritt, könnte ich mir gut vorstellen, dass er Ende dieses Jahres schon Freitagseinsätze in der Formel 1 bekommt und im nächsten Jahr vielleicht ein Stammcockpit bei Ferrari-Partner Alfa-Romeo beispielsweise. Für uns Deutsche wäre das natürlich sehr wichtig.

Wie kann man die Formel 1 in die Zukunft führen?

Bei all den Problemen, die es durch die Corona-Pandemie gibt, müssen die Hersteller sich erst mal die Fragen stellen, ob sie sich die Formel 1 noch leisten wollen. Ganz wichtig ist auf jeden Fall, dass die Formel 1 die Kosten reduziert. Da sind sie ja schon mit der Budgetdeckelung auf einem guten Weg.

Kommen wir zu DTM: Sie sind als Werksfahrer von BMW aktiv. Konnten Sie sich trotz aller Auflagen optimal auf die Saison vorbereiten?

Ja, ich konnte mein normales Fitnesstraining wie die Jahre davor durchziehen. Das war kein Problem.

Wie geht man als DTM-Pilot mit der Corona-Situation um? Es gibt ja auch in der DTM weniger Rennen. Riskiert man dann mehr?

Nein. Denn wir haben neun statt zehn Veranstaltungen. Ich gehe ganz normal in die Saison herein. Ich versuche wie immer in jedem Rennen das Optimale herauszuholen und dann schauen, wo ich am Ende stehe.

Was kann man von BMW in dieser Saison erwarten?

Wir haben auf jeden Fall einen Schritt nach vorne gemacht. Das Auto hat sich bei den Tests definitiv besser angefühlt. Ob das für den Titel reicht? Audi hat aber auch nicht geschlafen über den Winter. Es wird sehr eng werden.

Ist René Rast als Titelverteidiger der, den es zu schlagen gilt?

Erstmal ja. Aber da gibt es einige, die ich auf der Liste habe. Marco Wittmann von uns, ein Nico Müller ist zu beachten. Und ich hoffe, ich kann auch ein Wörtchen um den Titel mitspielen.

Was bedeutet der Ausstieg von Audi Ende des Jahres für die DTM?

Das ist extrem schade, aber kam auch nicht ganz überraschend. Ich hoffe, dass Gerhard Berger es schafft, für die DTM eine nächste tolle Plattform zu finden. Auch wenn es eine Mammutaufgabe ist.

Sie kennen auch Alex Zanardi sehr gut. Wie gehen Sie mit seinem schweren Unfall vergangene Woche um?

Ich bin in Gedanken bei ihm und bete für ihn. Meine Gedanken sind natürlich auch bei seiner Familie. Mehr kann ich im Moment nicht tun.

Sie sind 2019 als Teamkollege die “24 Stunden von Spa” mit ihm gefahren. Hat das Ihre Freundschaft noch mal vertieft?

Wir kannten uns schon vorher, aber Spa war ein besonderes Erlebnis. Welche Energie er entwickeln kann, welchen Willen er hat, wie er sich quälen kann, das war schon extrem beeindruckend.

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