Eine alte Schumacher-Geschichte zeigt, warum Fehler manchmal der beste Lehrmeister sind. Kolumne von F1-Insider Ralf Bach. Diesmal geht es um die beiden Mercedes-Stars.
Jeder hat sie schon mal erlebt. Die Streber im Klassenzimmer, die sich nicht nur bei den Lehrern einschmeicheln, sondern auch die anderen verpetzen – falls nötig: „Herr Lehrer, der Ralf hat das Licht im Keller brennen lassen. Ich habe es aber ausgemacht.“ Im fliegenden Klassenzimmer der Formel 1 gilt Mercedes-Pilot George Russell bei manchen Kollegen als derjenige, der das Licht im Keller gelöscht hat.
George Russell: Der Musterschüler und die Klassenfeinde
Seine Funksprüche werden von einigen im Fahrerlager als Dauerschleife von rezitierten Paragraphen des Reglements wahrgenommen. Russell nimmt die Dinge sehr genau. Nicht jedem Kollegen gefällt das. Kein Wunder also, dass der britische Musterschüler nicht überall als Klassenkamerad erster Wahl gilt.

Besonders Max Verstappen hatte im vergangenen Jahr in Barcelona wenig Geduld mit seinem Rivalen. Er packte seinen Red Bull bei den Hörnern und fuhr dem Briten in dessen Mercedes. Der Zwischenfall war mehr als nur eine Szene im Eifer des Gefechts. Er zeigte, wie unterschiedlich beide ticken. Zwei, die in diesem Jahr gegeneinander um den Titel kämpfen könnten. Denn Russell gilt bei den Buchmachern als WM-Favorit, weil Mercedes sich bei den komplizierten Motoren einen Vorsprung durch Technik erarbeitet haben soll.
Was dem Briten aber dieses Jahr vielleicht nicht gefällt, sind zwei Dinge.
Verstappen bei Mercedes und Antonellis Idol
Erstens: Sein „Erzfeind“, der siegende Holländer, wurde ausgerechnet von Russells Arbeitgeber AMG-Mercedes auserwählt, den neuen GT3-Sportwagen zu entwickeln und das alte Modell unter anderem für den diesjährigen 24-Stunden-Klassiker auf der legendären Nordschleife zu verbessern.

Zweitens: Derjenige, der im fliegenden Klassenzimmer quasi neben ihm sitzt – Italiens 19-jähriger Jungstar Kimi Antonelli und Russells Teamkollege – hat sich ausgerechnet Verstappen als Vorbild ausgesucht. Schon im letzten Jahr war Kimi, nebenbei auch Liebling von Mercedes-Teamchef Toto Wolff, von seinem großen Freund Max begeistert. Wie er ihn nach Fehlern aufbaute, wie er ihm nach Fahrfehlern verzieh, wie er ihm immer wieder Tipps für seine verheißungsvolle Zukunft gab.
Auch jetzt bei den Tests Bahrain kann er Max’ Zuspruch gut gebrauchen. Grund: Antonelli zerlegte kurz vor dem Abflug in großem Stil seinen neuen AMG-Dienstwagen auf einer Landstraße in der Nähe seines Heimatorts. 144 Meter Leitplanke hat er beschädigt. Er blieb im Gegensatz zu seinem Sportwagen aus Stuttgart aber unverletzt. Klar hätte er sich im ersten Moment am liebsten entmaterialisiert, aber solche Situationen gehören zum Lernprozess. Und Max wird ihn schon wieder aufbauen.
Schumacher, der Grenzstein und das Set-up
Was Kimi nicht weiß: Ein siebenfacher Weltmeister fing auch mal so an. Zeitsprung: Irgendwann im Herbst in der Nähe von Köln. Ein gewisser Michael Schumacher holte mich im Stadtteil Junkersdorf zu einer Spritztour ab, um mir seinen ersten Mercedes-Dienstwagen vorzuführen. Ein aufgemotztes 190er-Mercedes-Monster mit Autotelefon in der Mittelkonsole.
Michael, seit kurzem Mercedes-Junior (wie Kimi), war stolz, mir das Auto zu zeigen. Dann kam die Ausfahrt auf der A4 und das AMG-Tier reagierte auf feuchter Fahrbahn nicht so, wie Schumi wollte. Das Heck kam abrupt, er lenkte gegen, doch ein Grenzstein, der dort wirklich nichts verloren hatte, zerstörte Hinterachse und weitere Teile des Autos.
Vom Fahrersitz kam nur ein trockenes Fazit: „Set-up-mäßig ist da noch viel Luft nach oben.“ Diese kleine Geschichte sollte Kimi aufbauen.
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