Formel 1

Kuriose Szene in China: Antonelli verwirrt sogar den Streckensprecher

Formel 1 Andrea Kimi Antonelli Mercedes China 2026
Andrea Kimi Antonelli. Credit: Jiri Krenek / ACTIVEPICTURES
Bianca Garloff
Bianca Garloff

Mit gerade einmal 19 Jahren hat Kimi Antonelli Geschichte geschrieben. Der Mercedes-Rookie gewinnt in Shanghai sein erstes Formel-1-Rennen und gilt als großer Hoffnungsträger der Königsklasse.

Mercedes-Teamchef Toto Wolff begrüßte ihn per Boxenfunk im „recht exklusiven“ Club der Mercedes-Sieger. Der Streckensprecher schickte ihn versehentlich mit dem Namen „Kimi Räikkönen“ auf die oberste Stufe des Podiums. Und im ersten Interview als Sieger übermannten Andrea Kimi Antonelli die Freudentränen. Es war ein Rennsonntag beim Großen Preis von China in Shanghai, den der Italiener nie vergessen wird.

Mit gerade einmal 19 Jahren hat der junge Mann aus Bologna geschafft, wovon andere Fahrer ein ganzes Leben lang träumen. Pole-Position, Grand-Prix-Sieg, Rekorde. Und plötzlich gilt der Mercedes-Youngster als neuer Formel-1-Hoffnungsträger einer ganzen Generation. 

Beim Grand Prix von China liefert der Italiener ein perfektes Wochenende ab. Erst sichert er sich seine erste Pole-Position, dann kontrolliert er das Rennen souverän von der Spitze. Am Ende steht ein weiterer Eintrag in die Geschichtsbücher der Königsklasse. Antonelli wird zum zweitjüngsten GP-Sieger der Formel-1-Historie, nur Max Verstappen war bei seinem ersten Triumph noch jünger.

Für Italien ist es gleichzeitig ein historischer Moment: Seit Giancarlo Fisichella 2006 in Malaysia hat kein Landsmann mehr ein Formel-1-Rennen gewonnen.

Antonelli: Der Teenager, der Mercedes retten soll

Dass Antonelli einmal ganz vorne fahren würde, davon war man bei Mercedes schon sehr früh überzeugt. Die Talentscouts des Teams entdeckten ihn, als er gerade einmal elf Jahre alt war. Seitdem hat der Rennstall Millionen in seine Ausbildung investiert; Simulatortraining, Nachwuchsserien, zehntausende Testkilometer inklusive.

Es war eine kalkulierte Wette mit klarem Plan: Mercedes wollte mit Antonelli eine neue Sieger-Generation erschaffen. Den nächsten Max Verstappen nicht Red Bull überlassen. Und einen Ersatz für Lewis Hamilton ausbilden, dessen Zeit im Silberpfeil immer endlicher erschien. In die Fußstapfen des erfolgreichsten Fahrers der Geschichte treten; eine riesige Aufgabe für einen Fahrer, der zu Beginn seiner Formel-1-Karriere noch nicht einmal einen Führerschein hatte.

Formel 1 Andrea Kimi Antonelli Mercedes China 2026
Andrea Kimi Antonelli. Credit: Jiri Krenek / ACTIVEPICTURES

Und der im Fahrerlager der Formel 1, dem größten Verdrängungswettbewerb mit vier Rädern, erstaunlich erfrischend wirkt. Manchmal sieht Antonelli dabei aus wie ein Schüler, der sich zwischen die großen Stars der Formel 1 verirrt hat. So spielte er vergangenes Jahr beim Heimspiel in Imola mit seinen Klassenkameraden im Fahrerlager Fußball, als wäre er nur einer von vielen Abiturienten auf dem Pausenhof. Allein im Cockpit zeigt er schon früh eine beeindruckende Mischung aus Speed und Präzision.

Bei seinem Debütrennen fährt er im Regen direkt auf Platz vier. Spätestens da wird klar: Dieses Talent ist kein Zufall. „Der Nachwuchs von heute ist besser ausgebildet, es geht schon mit sechs Jahren los“, sagt Mercedes-Teamchef Toto Wolff. „Sie arbeiten mit Ingenieuren zusammen, lernen früh, dass im Motorsport viel intellektueller Aufwand dazugehört. Kognitiv sind sie allein durch die Online-Simulationen schon weit. Rookies wie Kimi bewegen sich auf einer ganz neuen Ebene.“

Genau diese Kombination aus Intelligenz, Anpassungsfähigkeit und roher Geschwindigkeit macht Antonelli für Mercedes so wertvoll.

Formel 1 Andrea Kimi Antonelli Mercedes China 2026
Andrea Kimi Antonelli. Credit: Sam Bagnall/Sutton Images

Zwischen Wunderkind und Erwartungsdruck

Doch der Weg in der Formel 1 verläuft selten gerade. Antonelli musste früh lernen, wie brutal die Formel-1-Welt sein kann. Bei seinem ersten Freitagstest im Mercedes vor heimischem Publikum in Monza verliert er in der Parabolica die Kontrolle über den Silberpfeil und schlägt mit über 50 g in die Reifenstapel ein. Der junge Italiener ist danach tief getroffen. „Ich musste zum Check ins Krankenhaus, und als ich dort im Bett lag, habe ich nur geweint“, erinnert er sich später.

Nicht wegen des Unfalls, sondern weil er glaubte, seine Familie enttäuscht zu haben.

Der Vergleich mit Verstappen und Hamilton

Seit seinem Debüt begleitet Antonelli ein großes Etikett, auf dem in großen Lettern „Wunderkind“ steht. So wie einst bei jenen beiden Piloten, die ihn auch nach dem Sieg in China in den höchsten Tönen lobten: Max Verstappen und Lewis Hamilton. Letzterer hinterließ in seinem ehemaligen Fahrerraum eine Botschaft für Nachfolger. Tenor: „Sei gut zum Team, dann ist es auch gut zu dir.“

Die ganz Großen der Szene erkennen schnell, wenn ein potenzieller Thronfolger anklopft. Vor allem einer, der auch noch mit dem entsprechenden Selbstbewusstsein ausgestattet ist. „Ich möchte nicht arrogant klingen, aber ich würde gerne meine eigene Geschichte schreiben“, lässt Antonelli angesprochen auf das große Erbe wissen. 

Der langfristige Plan von Mercedes

Für Toto Wolff ist Antonelli derweil weit mehr als nur ein Talent. „Kimi ist unsere langfristige Zukunft“, gibt der Österreicher unumwunden zu. Der Erfolg von China bestätigt den Wiener in seiner Strategie, Antonelli bereits als 18-Jährigen in die Formel 1 zu hieven. 

Formel 1 Toto Wolff und Kimi Antonelli Mercedes China 2026
Toto Wolff und Kimi Antonelli. Credit: Dom Gibbons/LAT Images

„Im vergangenen Jahr haben viele gesagt, dass das alles zu früh komme“, räumt er ein. „Natürlich haben auch wir uns immer wieder gefragt, ob wir ihn vielleicht zu früh in diesen Druckkessel geworfen haben. Aber genau das war die Marschroute: ein Jahr lang mit Höhen und Tiefen umgehen lernen. Und jetzt fährt er im zweiten Grand Prix das Rennen gnadenlos nach Hause.“

Allein: Bei all dem Hype will Antonelli vor allem eines bleiben: er selbst. 

Seinen Vornamen verdankt er übrigens nicht etwa seinem Namensvetter Kimi Räikkönen, sondern einem Freund der Familie. Als er den finnischen Weltmeister später tatsächlich traf, war er völlig nervös. „Ich bin zu ihm gegangen, war total aufgeregt – und er hat einfach gar nichts gesagt“, erzählt Antonelli lachend. „Da habe ich verstanden, warum man ihn ‚Iceman‘ nennt.“

Vielleicht passt der Spitzname irgendwann auch zu ihm selbst. Denn eines hat der junge Italiener schon jetzt bewiesen: Wenn der Druck am größten ist, bleibt er erstaunlich cool.

Formel 1 China Grand Prix 2026
Rennen, Ergebnis

PositionFahrerTeamZeitAbstandBox
1A. AntonelliMercedes01:35.2751
2G. RussellMercedes01:35.40000:05.5151
3L. HamiltonFerrari01:36.09200:25.2671
4C. LeclercFerrari01:36.01100:28.8941
5O. BearmanHaas01:36.42900:57.2681
6P. GaslyAlpine01:36.50500:59.6471
7L. LawsonRacing Bulls01:37.09601:20.5881
8I. HadjarRed Bull01:37.31101:27.2472
9C. SainzWilliams01:37.981+1 Rnd.1
10F. ColapintoAlpine01:36.783+1 Rnd.1
11N. HülkenbergAudi01:36.180+1 Rnd.1
12A. LindbladRacing Bulls01:36.099+1 Rnd.1
13V. BottasCadillac01:38.393+1 Rnd.1
14E. OconHaas01:35.964+1 Rnd.2
15S. PerezCadillac01:38.523+1 Rnd.1
16M. VerstappenRed Bull01:37.046+11 Rnd.1
17F. AlonsoAston Martin01:39.721+24 Rnd.1
18L. StrollAston Martin01:40.883+47 Rnd.0
19O. PiastriMcLaren0
20L. NorrisMcLaren0
21G. BortoletoAudi0
22A. AlbonWilliams0

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Autor

Bianca Garloff
Bianca Garloff

Mit einem Speedway-Stadion vor der Haustür aufgewachsen, Politik, Publizistik und Geschichte studiert, Michael Schumacher zugejubelt; mit dieser Kombination landet sie 2004 bei AUTO BILD. Volontariat auf der Springer-Journalistenschule. Als Redakteurin für AUTO BILD und SPORT BILD erst Schumi, dann Vettel und Rosberg auf den Fersen. Seit 2016 ist sie Redaktionsleiterin von AUTO BILD MOTORSPORT. 2020 wird sie zum Teil von F1-Insider.com, schreibt auch für SPORT1 und das Redaktionsnetzwerk Deutschland. Twitter: @bgarloff


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