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Erst Europas Automarkt, jetzt die Formel 1? Chinas nächster Milliardenplan

Formel 1 Start China
Montage, F1-Insider; Wolfgang Wilhelm; Hersteller
Michael Zeitler
Michael Zeitler

Noch spielen chinesische Marken im internationalen Motorsport keine große Rolle. Das soll sich bald ändern: Gleich in drei Weltmeisterschaften stehen chinesische Hersteller Gewehr bei Fuß.

Selbst aus Brasilien (Copersucar), Mexiko (Rebaque) oder Südafrika (LDS) kamen einst eigene Formel-1-Autos. Doch aus dem riesigen China mit seinen 1,4 Milliarden Einwohnern? Bis heute Fehlanzeige.

Das dürfte sich schon bald ändern – und nicht nur in der Formel 1. Gleich in drei Weltmeisterschaften des Motorsports stehen chinesische Hersteller Gewehr bei Fuß: in der Formel 1, der Formel E und der Langstrecken-WM WEC.

Lange spielte Motorsport in China praktisch keine Rolle. Doch 2004 gewann Rubens Barrichello im Ferrari den ersten Grand Prix von China. Seitdem hatte das Land mit Guanyu Zhou zwar bereits einen eigenen Formel-1-Fahrer (2022 bis 2024 für Alfa Romeo/Sauber), ein chinesisches Team oder gar ein eigenes chinesisches Formel-1-Auto gab es bislang jedoch nicht.

China braucht Motorsport als Marketingplattform

Das hatte gute Gründe: China war noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts eines der ärmsten Länder der Welt. Heute zählt das Land zu den größten Volkswirtschaften. Gleichzeitig wuchs die Bevölkerung auf rund 1,4 Milliarden Menschen. Mit anderen Worten: Der riesige Binnenmarkt sorgte lange Zeit für ausreichend Nachfrage. Autos verkauften sich praktisch von selbst.

Doch das ändert sich. Das Wirtschaftswachstum schwächt sich ab, der Konsum stagniert und die Bevölkerung könnte sich laut Schätzungen der Vereinten Nationen bis zum Jahr 2100 auf rund 700 Millionen Menschen halbieren. Deshalb drängen chinesische Hersteller mit aller Macht auf die internationalen Märkte – insbesondere im Automobilsektor.

BYD Logo
Credit: BYD

Marken wie BYD sind in Europa längst keine Exoten mehr. Dennoch bleibt die Kaufzurückhaltung gegenüber chinesischen Autos groß. Umso wichtiger wird das Marketing. Und genau hier kommt der Motorsport ins Spiel.

„Win on Sunday, sell on Monday“ – gewinne am Sonntag, verkaufe am Montag. Jahrzehntelang war das der Leitspruch der Autoindustrie. Gerade in den Anfangsjahren des Motorsports war der Rennsport die beste Werbung. Wer gewann, wurde bekannt und konnte sich gegen die Konkurrenz durchsetzen.

Beim ersten Grand Prix 1906 in Frankreich gingen zwölf Hersteller an den Start. Namen wie Panhard, Brasier oder Grégoire kennt heute kaum noch jemand. Gewonnen hat Renault, Zweiter wurde Fiat – beide Marken existieren bis heute. Dasselbe gilt für Mercedes, Sieger des Frankreich-GP 1908. Rennsiege waren damals eine echte Überlebensgarantie.

BYD träumt vom eigenen Formel-1-Team

Genau darauf zielt China nun ab. Der erste Schritt dürfte aller Voraussicht nach ein Einstieg in die Sportwagen-WM WEC inklusive der 24 Stunden von Le Mans sein.

Formel 1 Pierre Gasly Alpine Barcelona 2026
Pierre Gasly. Credit: Clive Rose/Getty Images

Lange wurde spekuliert, BYD könne sämtliche Motorsport-Aktivitäten von Alpine übernehmen – also sowohl das WEC-Projekt als auch das Formel-1-Team. Offiziell steht bislang lediglich fest: Alpine steigt aus der WEC aus, will aber in der Formel 1 weitermachen. Allerdings gehört der Rennstall längst nicht mehr vollständig zum Renault-Konzern. Die amerikanische Investorengruppe Otro Capital würde ihren Anteil von mehr als 20 Prozent offenbar gerne verkaufen.

Doch die Gespräche mit BYD scheinen inzwischen ins Stocken geraten zu sein. Stattdessen soll der chinesische Hersteller an einem eigenen Formel-1-Team arbeiten. Hinter den Kulissen soll Ex-Red-Bull-Teamchef Christian Horner an einem Einstieg für 2030 oder 2031 arbeiten – dann, wenn ein neues Motorenreglement greifen könnte.

Ein eigenes Team ist seit Jahren Horners Traum. Bereits 2004 wollte er seinen damaligen Formel-2-Rennstall Arden in die Formel 1 bringen beziehungsweise Jordan übernehmen. Erst danach ergab sich die Chance bei Red Bull.

Die Formel 1 selbst steht zusätzlichen Teams allerdings skeptisch gegenüber. Schon der Einstieg von Cadillac als elftem Rennstall war ein zähes Ringen. Jedes weitere Team bedeutet schließlich, dass die Preisgelder auf mehr Teilnehmer verteilt werden.

Eine Ausnahme würde Formel-1-Chef Stefano Domenicali allerdings machen: „Wenn das Team aus China kommt. Das würde den Markt erweitern und der Formel 1 einen echten Mehrwert bieten.“

Geely wohl vor Einstieg bei Alpine

BYD hat offenbar vor allem die Formel 1 im Blick. Die Königsklasse genießt intern höchste Priorität. Deshalb sickerte beim WEC-Rennen in Brasilien durch, dass Alpine sein Sportwagenprojekt stattdessen an Geely verkaufen könnte.

Geely Logo
Credit: Geely

Nach Informationen mehrerer Medien sollen die Gespräche bereits weit fortgeschritten sein. Demnach würde der Hersteller sogar unter dem Namen Geely antreten. Zuvor war spekuliert worden, die Chinesen könnten stattdessen den traditionsreichen Namen Lotus zurückbringen. Die Markenrechte dafür besitzt Geely bereits.

Ganz vom Tisch ist Lotus allerdings nicht. Vielmehr gilt die Formel E als wahrscheinlichere Bühne. Geely-Vizepräsident Victor Young zeigte sich beim E-Prix in Shanghai jedenfalls offen für einen Einstieg. Dem Vernehmen nach könnte Geely beim Team Lola einsteigen.

Bis 2023 war mit Nio bereits ein chinesischer Hersteller in der Formel E vertreten. Heute stammt nur noch ein Team aus China: Envision. Das Team gehört dem gleichnamigen Windturbinenhersteller, setzt allerdings auf Kundenantriebe von Jaguar.

Geely ist im internationalen Motorsport bereits aktiv. In der TCR World Tour setzt der Konzern den Geely Preface TCR ein. Zu den Fahrern gehören unter anderem Ma Qing-Hua, der erste Chinese mit einem Formel-1-Test, sowie Tabellenführer Santino Urrutia.

Fazit

Die chinesischen Hersteller nehmen gerade Anlauf, auch den internationalen Motorsport zu erobern. Noch ist vieles Zukunftsmusik – doch die Weichen scheinen gestellt. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis ein chinesischer Hersteller auch in der Formel 1 dauerhaft vertreten ist.

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Autor

Michael Zeitler
Michael Zeitler

Nach dem Politikwissenschaftsstudium stellte er fest: Interessant, aber der Motorsport ist dann doch spannender. Als Kind der Schumi-Ära hat Michael Zeitler kaum ein Formel-1-Rennen verpasst und Gefallen auch an anderen Rennserien wie der IndyCar gefunden. Nach ersten journalistischen Erfahrungen, etwa im Regionalfernsehen, kam er im Oktober 2015 als Volontär und schließlich als Redakteur zu AUTO BILD MOTORSPORT. Seit 2020 gehört er zum Team F1-Insider.


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