Formel 1

Audi im F1-Fokus: Warum der Slogan in der Königsklasse zum Druck wird

Formel 1 Australien 2026 Gabriel Bortoletto Audi
Gabriel Bortoletto. Credit: Audi

Mit großen Erwartungen startet Audi in seine erste Formel-1-Saison als Werksteam. Doch der Anspruch der Marke legt die Latte von Beginn an hoch. Kolumne von Ralf Bach.

Ralf Bach
Ralf Bach

Mit großen Erwartungen startet Audi in seine erste Formel-1-Saison als Werksteam. Doch der Anspruch der Marke legt die Latte von Beginn an hoch. Kolumne von Ralf Bach.

Worte holen einen manchmal ein. Bei Audi trifft ein Zitat des alten Goethe zu: „Die Geister, die ich rief, werde ich nicht mehr los“. Audis Geist ist der vor Jahrzehnten prägnant geprägte Werbespruch „Vorsprung durch Technik“, den Audi-Verantwortliche seit der Markteinführung des Allradantriebs immer wieder gerne zitieren. Im ersten Jahr des offiziellen Einstiegs in die Königsklasse des Automobils muss Audi jetzt beweisen, dass es im Haifischbecken Formel 1 nicht schnell sarkastisch heißt: „Rückstand durch Technik!“

Fest steht: Die Luft ist dünn in der obersten Liga. Audi muss mit dem Image leben, das deutsche Premiumhersteller dort nun mal haben. Deutschland gilt als Land des Automobils und der technischen Innovationen. BMW hat viel zu diesem Image beigetragen, als sie bei ihrem Comebackrennen 2000 in Melbourne mit Ralf Schumacher am Steuer auf Anhieb Dritter wurden. Das Podium aus dem Stand wurde damals nicht zu Unrecht wie ein Sieg gefeiert.

Mercedes festigte den Ruf deutscher Ingenieurskunst allerspätestens ab 2014. Das damals neue und extrem komplizierte Hybridreglement war dem Stuttgarter Erfinder des Automobils wie auf den Leib geschneidert. Es dauerte vier Jahre, bis Ferrari, Red Bull und Co. auch nur einigermaßen auf Augenhöhe waren.

Große Worte aus dem Audi-Lager

Das sind die Gründe, warum Audi in seiner ersten Saison als Werksteam nicht mit den üblichen Standards für Neueinsteiger gemessen wird. Audi-CEO Gernot Döllner hat deshalb auch klare Ziele für das Formel-1-Projekt des Automobilkonzerns gesetzt: Bis 2030 will man Formel-1-Weltmeister werden.

Formel 1 Australien 2026 Jonathan Wheatley Audi
Jonathan Wheatley. Credit: Audi

Teamchef Jonathan Wheatley ging bei der Präsentation in Berlin sogar noch einen Schritt weiter. Euphorisiert von der Tradition der Marke mit den vier Ringen, mit Blick auf den legendären Auto Union und dessen ebenso legendären Piloten Bernd Rosemeyer, die in den Dreißigern die Motorsportszene verzauberten, ließ er sich auf der Bühne zu dem Satz hinreißen: „Wir wollen das erfolgreichste Team der Formel-1-Geschichte werden.“

Womöglich ein bisschen erschrocken über diese Aussage ruderte der von Red Bull abgeworbene Brite vor dem Saisonstart am Sonntag in Melbourne verständlicherweise wieder zurück: „Es gibt viel Stolz auf das, was wir bisher erreicht haben. Gleichzeitig wissen wir, wie groß die Herausforderung ist. Das ist der Beginn einer langen Reise. Melbourne markiert den Höhepunkt eines enormen gemeinsamen Kraftakts. Wir haben ein neues Team aufgebaut, das erste Audi-Formel-1-Auto mit eigenem Antrieb entwickelt und eines der umfangreichsten Testprogramme der letzten Jahre absolviert.“

Hülkenberg im Fokus

Was den Druck nicht einfacher macht: Im Cockpit des Silberpfeils mit den vier Ringen sitzt mit Nico Hülkenberg der einzige deutsche Stammfahrer im Feld. Für ihn ist Melbourne der Startpunkt eines Projekts, das er bereits seit letztem Jahr als Sauber-Stammfahrer begleitet.

Formel 1 Australien 2026 Nico Hülkenberg Audi
Nico Hülkenberg. Credit: Audi

„Es ist unglaublich spannend, nach Melbourne zum ersten Rennen einer komplett neuen Ära zu reisen und gleichzeitig zum Debüt des Audi-Teams“, sagt der Emmericher.

Die Stimmung im Team beschreibt er als elektrisierend: „Man spürt den Buzz überall – im Team und auch in den Fabriken in Hinwil und Neuburg.“ Gleichzeitig versucht auch er, den Ball flach zu halten. „Natürlich will man immer einen guten Saisonstart hinlegen, idealerweise in die Punkte fahren. Aber ich glaube, wir müssen einfach fokussiert arbeiten und die Erwartungen nicht zu hoch ansetzen.“ Hinter den Kulissen sei enorm viel Arbeit passiert. Diese gelte es jetzt auf der Strecke umzusetzen.

Hohe Erwartungen von außen

Allein: Die Erwartungshaltung ist extrem groß. „Audi sollte in der Lage sein, auf Anhieb in die Punkte zu fahren“, betont Ex-Formel-1-Pilot Marc Surer. „Ich erwarte, dass sie einen Antriebsstrang bauen, der sofort funktioniert.“

Formel 1 Australien 2026 Nico Hülkenberg Audi
Nico Hülkenberg. Credit: Andy Hone/LAT Images/Pirelli

Surers Analyse basiert dabei auf dem Fluch der guten Tat. Konkret meint er: Ob Formel E, Langstrecken-WM inklusive der 24 Stunden von Le Mans, DTM oder der prestigeträchtigen Rallye Paris-Dakar – früher oder später hieß es immer: Wenn Audi teilnahm, waren sie am Ende auch vorn.

Erschwerend kommt hinzu: Audi ist auch auf dem hochsensiblen Chassis-Sektor kein Novize mehr. Spätestens nach der Bekanntgabe des Formel-1-Einstiegs vor vier Jahren und der damit verbundenen Übernahme des Schweizer Sauber-Teams stellte Audi die Weichen für 2026. Der damalige Projektleiter Andreas Seidl verpflichtete frühzeitig hochrangige Techniker von seinem ehemaligen Arbeitgeber McLaren und holte sie in die Schweiz.

MEHR LESEN: Heidfelds Rat an Audi

Ex-Formel-1-Pilot Nick Heidfeld legt die Latte schon mal mindestens halbhoch: „Audi hat sich beim Reglement dafür eingesetzt, dass bestimmte Rahmenbedingungen gelten, sonst wären sie vielleicht gar nicht eingestiegen“, sagt er zu F1-Insider. „Deshalb sollte das Ziel schon sein, mindestens im Mittelfeld zu fahren aber noch wichtiger ist es, eine Steigerung, auch schon während und über die erste Saison hinweg zu sehen.“ 

Audi selbst will für die erste Saison als Formel-1-Team noch keine konkrete Zielsetzung festlegen. Experten der Szene haben dagegen klare Erwartungen. So fordert Ex-BMW-Cheflogistiker und Red-Bull-Juniorteamchef Franz Tost gegenüber F1-Insider: „Mindestziel in der Konstrukteurswertung muss Platz sechs sein. Aber eigentlich sollten sie fähig sein, schon im ersten Jahr Fünfter zu werden. Das sind sie einem deutschen Automobilhersteller schuldig. Das Motorreglement ist wie für sie gemacht.“

Fest steht: Audi steht schon jetzt unter Druck. Sie müssen ihren Slogan „Vorsprung durch Technik“ gerecht werden und auch dem Mutterkonzern VW beweisen, dass der Einstieg in die Formel 1 der richtige Schritt war.

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Autor

Ralf Bach
Ralf Bach

Ralf Bachs Zuhause ist der Formel-1-Zirkus. Seit rund 30 Jahren berichtet er für SPORT BILD, AUTO BILD MOTORSPORT, SPORT1 und das Ippen-Netzwerk (TZ München, Frankfurter Rundschau) von der Königsklasse. Für seine exklusiven Stories wurde er in die „Paddock Hall of Fame“ der Formel 1 aufgenommen. Auf F1-Insider.com schildert er, wie die Protagonisten ticken. Twitter: @ralfbond


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