Die Fußball-WM elektrisiert derzeit nicht nur Millionen Fans vor den Fernsehern, sondern auch das Formel-1-Fahrerlager in Spielberg.
Der Asphalt kocht, Leiber schwitzen, Fans keuchen, das Thermometer kratzt an der 40-Grad-Marke – Fieberstimmung am Red-Bull-Ring. Allein: Nicht die Formel 1 zieht beim GP von Österreich Fans und Fahrer in ihren Bann. Die Fußball-WM hat ihr Fiebervirus längst auch an die Rennstrecke in der Steiermark geschickt.
Formel 1 in Spielberg: Klare Mercedes-Angelegenheit zum Spielberg-Auftakt
Ein holländischer Verstappen-Fan aus Eindhoven im orangen Trikot der „Elftal“, der niederländischen Nationalmannschaft, spricht für viele andere auf den Campingplätzen: „Es gibt hier eine grandiose Fußballparty – zum Glück fahren die Autos zu einer Zeit, in der keine WM-Spiele stattfinden.“
Formel 1 verliert an Strahlkraft
Das dürften die Formel-1-Macher nicht gerne hören. Propagieren sie ihren Sport doch gerne als den größten der Welt. Die Fußball-WM entlarvt die großspurigen Manager allerdings. Was sie nicht erzählen: Im Gegensatz zu früheren Jahren sind in der Umgebung des Red-Bull-Rings noch viele Zimmer frei.

Zu hohe Ticketpreise, komplizierte Technikregeln, die die früheren Helden des Asphalts fast nur noch zu Passagieren verkommen lassen und in der Folge überwiegend langweilige Rennen produzieren, sowie natürlich die parallel stattfindende Fußball-WM haben das Interesse an der Königsklasse deutlich sinken lassen.
Das einzig Positive: Mehrere Besitzer von Gasthöfen und Pensionen stellen fest, dass es zwar deutlich weniger Fans aus Holland gibt, dafür aber mehr aus Italien.
Antonelli begeistert die Tifosi
Dafür gibt es zwei Gründe: Italien ist bei der Fußball-WM traditionell nicht dabei, und der erst 19 Jahre alte Kimi Antonelli führt die Fahrer-WM an und gilt als heißester Titelanwärter.

Der Mercedes-Shootingstar ist sich seiner Verantwortung bewusst: „Ich versuche nach der Enttäuschung im Fußball natürlich, den Frust aufzufangen und den Tifosi auf meine Weise Freude zu bereiten.“
Das Fußballfieber hat zum Ärger der F1-Vermarkter aber auch Antonellis Fahrerkollegen gepackt. Lewis Hamilton, der seit drei Rennen wieder auf einer Erfolgswelle surft, läuft demonstrativ mit einer Brasilien-Flagge herum und erklärt: „Natürlich drücke ich auch England die Daumen, aber ich fiebere auch mit den Brasilianern mit. Ich habe eine ganz besondere Beziehung zu diesem Land.“
Hamilton hätte auch Fußballprofi werden können
Was kaum jemand weiß: Anders als Audi-Pilot Nico Hülkenberg, der nur zu PR-Zwecken fotogen einen Ball auf dem Kopf jongliert, obwohl die runde Kugel ansonsten alles andere als sein bester Freund ist, kann Hamilton richtig kicken.
In der Schulmannschaft seiner Heimatstadt Stevenage war er der zweitbeste Mann – hinter dem späteren Nationalspieler und Arsenal-Star Ashley Cole. Beide waren fast auf Augenhöhe, doch Hamilton entschied sich für den Motorsport und Cole für den Fußball. Beide wählten den richtigen Weg. Noch heute treffen sich die beiden gelegentlich und stehen regelmäßig in Kontakt.
Verstappen nutzt den Fußball-Boom
Auch Red-Bull-Superstar Max Verstappen zählt ein anderes Nationalidol zu seinen besten Freunden. Der Niederländer tauscht sich regelmäßig mit dem Kapitän der Nationalmannschaft und des FC Liverpool aus: Virgil van Dijk.

„Wir treffen uns so oft es geht und kommunizieren oft miteinander“, sagt Verstappen. „Auch während der WM. Ich hoffe, die Elftal kommt weit, und klar drücke ich ihr die Daumen. Ich schaue mir alle Spiele an, solange sie nicht nach Mitternacht beginnen.“
Verstappen gilt auf dem richtigen Platz als guter Techniker mit einem filigranen linken Fuß. Auf der Playstation soll er sogar zu den Besten gehören. Fest steht: Fußball ist seine große Leidenschaft, die er während der WM auch geschäftlich nutzt.
Seit gut acht Wochen können Fans auf der Merchandising-Seite des Niederländers ein oranges Nationaltrikot mit der Nummer 3 bestellen – Verstappens Startnummer in der Formel 1. Laut seinem Management gehört das Trikot dank des Fußball-Booms zu den größten Verkaufsschlagern im Merchandising-Angebot des Weltmeisters. Die erste Serie war bereits nach einer Woche vergriffen.
Auch das ist eine Nachricht, die das Formel-1-Management lieber unter dem Tisch verschwinden lassen würde.
Verhindern können die Verantwortlichen allerdings nicht, dass nahezu alle Fahrer nach der Fußball-WM gefragt werden – und diese Fragen sichtbar lustvoller beantworten als solche über ihren eigentlichen Job.
Fest steht deshalb: Die Formel 1 kann ihre Muskeln nur so lange spielen lassen, bis sie gegen König Fußball antreten muss. Dann werden großspurige Ansagen sehr schnell entlarvt.
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