Patrick Dempsey: „Le Mans besser als jedes Drehbuch“

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Patrick Dempsey Credit: Porsche
Patrick Dempsey Credit: Porsche

Le Mans hat schon immer auch Hollywood angezogen. Schauspieler Patrick Dempsey (Grey’s Anatomy) gehört ein eigenes Porsche-Amateurteam. Bis 2015 fuhr er selbst, jetzt ist er nur noch Teamchef. Der US-Amerikaner setzt auch 2020 wieder drei Porsche 911 RSR (Vierzylinder-Sechszylinder-Boxer, 510 PS) in der GT-Amateurklasse ein, ist dort Titelverteidiger. F1-Insider.com hat mit ihm gesprochen 

Herr Dempsey, Ihr Team ist bei den 24 Stunden von Le Mans in der GTE-Amateurklasse Favorit. Wieso fahren Sie nicht mehr selbst und sitzen nur noch auf der anderen Seite der Boxenmauer?
Patrick Dempsey (54): Ich habe meine Ziele 2015 erreicht. Ich wollte immer in Le Mans in meiner Klasse auf dem Podium stehen. Ich hätte noch mehr trainieren und mich dem Rennsport noch mehr widmen müssen, als ich es in dem Jahr schon getan habe. Und ich werde auch nicht jünger. Ich habe drei Kinder, die ich aufwachsen sehen will. Gleichzeitig wollte ich dem Sport verbunden bleiben. Jetzt habe ich eine neue Rolle und bin glücklich damit. Es ist wichtig, dass man sich verändert und neue Ziele verfolgt. Das entspricht auch der Philosophie von Porsche.

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Paul Newman, Jackie Chan, Patrick Dempsey – warum sind so viele Schauspieler mit dem Rennsport-Virus befallen?
Ich denke, sie lieben den Motorsport einfach. Ich habe Jackie Chan noch nie getroffen. Aber sein Team in Le Mans ist immer für eine Überraschung gut. Paul Newman war ein Racer durch und durch. Ich denke, gerade für die Hollywood-Welt hat dieser Rennzirkus etwas Abstraktes.

Was ist für Sie spannender: ein Rennen oder ein Blockbuster?
So ein 24-Stunden-Rennen von Le Mans ist fantastisch. In jeder Kategorie ist es aufregend. Ich bin glücklich, als Teamchef dabei zu sein. Für mich ist es die Unvorhersehbarkeit, die solche Rennen über jeden Film stellen. Es ist viel mehr Drama und ist aufregender. Rennen wie Le Mans kann kein Drehbuchautor besser schreiben.

Dempsey Proton Racing Team 24h Le Mans 2020
Porsche 911 RSR, Dempsey-Proton Racing (#77), Christian Ried (D), Riccardo Pera (I), Matt Campbell (AUS)

Für viele sind Sie ein Idol. Hatten Sie aus dem Rennsport auch selbst Idole?
Ich habe mal neben Carroll Shelby gelebt. Er machte oft Blaubeerkuchen, und da kam ich gerne vorbei. Wir sind dann dagesessen, haben Kuchen gegessen, und ich hörte ihm einfach nur zu. Er war Teil der Generation von amerikanischen Rennfahrern, die nach Europa gekommen sind, wie Phil Hill, Dan Gurney, Richie Ginther. Das waren die Jahre, in denen Fahrer wie Stirling Moss gefahren sind. Ihnen zuzuhören, ist wirklich unglaublich. Ich liebe die Geschichte dieses Sports.

Die Geschichte ist das eine, aber der Motorsport steht auch für die Zukunft. In Ihrer Klasse kommen in Le Mans bisher ja noch keine Hybrid- oder Elektromotoren zum Einsatz. Viele können sich damit nicht identifizieren.
Der eine beschwert sich über Mangel an Lärm, der andere über zu viel Lärm (lacht). Seit Generationen haben wir uns an Sound und Gestank gewöhnt. Aber jetzt ändert sich alles. Leute fürchten immer Veränderungen, aber das ist falsch. Du musst mit der Zeit gehen. So läuft das Leben.

In Ihrer Paraderolle als Dr. Shepherd in Grey‘s Anatomy sind Sie bei einem Autounfall gestorben. Wieso das?
Zu dieser Zeit habe ich mich wirklich auf meine Karriere als Rennfahrer in der Sportwagen-WM fokussiert. Ich habe dann für mich die Entscheidung getroffen, dass mir das wichtiger ist. Wichtiger als die Show. Warum der Unfalltod auf der Straße? Ich denke, die Drehbuchautoren wollten damit einfach ihr Statement dazu abgeben, leider (lacht). Aber ich habe die richtige Entscheidung getroffen. Ich bin glücklich.

Fehlt noch ein Rennfilm mit Ihnen in der Hauptrolle …
Mein Fokus liegt derzeit darauf, Producer zu sein. Ich habe zuletzt meine Dokumentation über Hurley Haywood (dreifacher Le-Mans-Sieger aus den USA; d. Red.) und seine Karriere beendet. Das hat vier Jahre gedauert. Danach kam ein Film über die Kunst des Rennfahrens im Regen („Enzo und die wundersame Welt der Menschen“; d. Red.). Wir wollen Leute an den Motorsport heranführen.

Warum ausgerechnet ein Film über Hurley Haywood?
Ich war immer schon ein Fan von Hurley. 2003 bin ich das erste Mal selbst in Daytona gefahren. Damals wurde er mein Mentor. Seine Geschichte ist eine wichtige gesellschaftliche Story, die man erzählen muss. In den USA kennt ihn jeder als fairen Sportsmann und Siegertyp. Gleichzeitig musste er seine Homosexualität in der männlich dominierten Welt des Motorsports jahrelang verstecken, stand deshalb enorm unter Druck. Es gibt noch so viel Intoleranz in der Welt. Wir müssen uns aber respektieren, wie wir sind. Ich urteile nicht über Sie und Sie nicht über mich. Das ist wirklich wichtig, und das unterstreicht Hurleys Geschichte.

Sie sagten, er war auch Ihr Mentor. Was hat er Ihnen beigebracht?
Er hat immer gesagt: Wenn du die 24 Stunden von Le Mans fährst, musst du wissen, dass es ein langes Rennen ist. Lass das Rennen zu dir kommen. Du musst nicht immer die schnellste Runde drehen. Lass es rollen. Diese Worte gingen mir während meiner Rennen immer wieder durch den Kopf. Er hat mir auch den Tipp gegeben, im Auto Kaugummi zu kauen. Zu seiner Zeit hatten sie ja noch kein Trinksystem und bekamen deshalb  ständig  ei-nen trockenen Mund. Da hilft Kaugummi. Selbst wenn ich für Porsche Werbevideos drehe, sieht man mich jetzt oft darauf kauen … (lacht).

Wieso sind Rennfilme eigentlich so beliebt? Netflix hat mit der Formel-1-Doku auch große Erfolge erzielt.
Im Rennsport gibt es immer Dramen. Das ist schon mal ein guter Hintergrund, um darauf aufzubauen. Aber es geht auch darum, nie aufzugeben, immer ruhig zu bleiben. Da kann man tolle Lehren draus ziehen – auch fürs Leben.

Dann wäre es doch mal Zeit für eine Serienfigur, die Rennfahrer ist …
Wenn dich nur das Racing interessiert, wird der Film nicht so interessant sein. Entscheidend ist: Was ist das Drama, bevor du ins Auto steigst, und was, wenn du wieder aus dem Auto kletterst. Du musst auch überlegen, welche Periode du nimmst: Die Gegenwart? Oder die 50er-/60er-Jahre? Wolfgang Graf Berghe von Trips wäre zum Beispiel eine tolle Geschichte. Mein Team hat ja in Deutschland seinen Sitz. Deshalb weiß ich: In der Nähe von Köln gibt es in seinem Schloss ein Museum. Da lohnt sich ein Besuch. Durch seinen Tod im Ferrari und den Kampf gegen US-Boy Phil Hill ist er ein weiterer Held, dessen Geschichte erzählt werden muss.

Wie sehen Sie die Rennfahrer von heute?
Wegen der Autos vergisst man oft den menschlichen Aspekt. In der Formel 1 sieht man meistens nur die Dominanz von Mercedes und Lewis Hamilton. Dank der Netflix-Doku war es toll, auch mal einen Blick auf die Seite zu werfen, die normalerweise untergeht – die der Hinterbänkler. Weil du siehst, wie sie zu kämpfen haben, und sie auch als Menschen besser kennenlernst.

Lewis Hamilton ist aber auch ein filmreifer Charakter …
Er ist ein großartiger Fahrer. Aber er hat auch das richtige Auto. Und eine ganz eigene Persönlichkeit. Die Formel 1 ist in Amerika ein Nischensport. Trotzdem kennen ihn die Leute. In Zukunft sollte man auch seine Geschichte erzählen. Aber noch ist es dafür etwas zu früh. 

Michael Zeitler und Bianca Garloff

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