Ist die neue alte Mercedes-Dominanz gar nicht so erdrückend? Beim Großen Preis von Australien sah es zu Beginn so aus, als könnte Ferrari den Mercedes-Doppelsieg verhindern. Charles Leclerc erwischte dank seines kleineren Turbos einen Raketenstart, schoss von Platz vier an die Spitze und lieferte sich in den ersten Runden ein intensives Duell mit Polesetter George Russell. Auch Teamkollege Lewis Hamilton verbesserte sich von Rang sieben auf Platz drei. Lange konnten die roten Renner die Pace der Silberpfeile mitgehen.
Doch eine Szene sorgt weiter für Diskussionen: Während Mercedes während der Virtual-Safety-Car-Phase nach dem Ausfall von Isack Hadjar (Red Bull) beide Autos an die Box holte und sich strategisch so einen Vorteil sicherte, blieb Ferrari draußen. Im Nachhinein wirkt diese Entscheidung wie ein verschenkter Sieg. Tatsächlich war die Lage komplizierter: Zu diesem frühen Zeitpunkt glaubte im Fahrerlager kaum jemand, dass ein so früher Boxenstopp mit einer Ein-Stopp-Strategie bis ins Ziel funktionieren würde. Ferrari wollte deshalb den ersten Stint verlängern und sich strategisch nicht zu früh festlegen.
Ferrari-Teamchef: „Hätten fast 300 Runden fahren können“
Ferrari-Teamchef Fred Vasseur verteidigt seine Strategie entsprechend: „Für uns war es die optimale Entscheidung, den Stint zu verlängern“, erklärt der Franzose. „Wir waren ehrlich gesagt selbst ein bisschen überrascht, wie lange die Reifen gehalten haben. Ich glaube, wir hätten fast 300 Runden damit fahren können.“

Allerdings räumt der Rennleiter auch ein, dass der entscheidende Unterschied am Ende nicht nur strategischer Natur war. „Mercedes hatte während des Rennens immer noch ein Leistungs-Delta zu uns. Das eigentliche Problem war weniger der VSC-Call, sondern schlicht die Pace.“
Dafür spricht: Nachdem George Russell freie Fahrt hatte, holte er in wenigen Runden zehn Sekunden auf Leclerc auf und kontrollierte das Rennen danach souverän. Selbst mit einem früheren Stopp hätte Ferrari also wohl große Mühe gehabt, den Mercedes dauerhaft hinter sich zu halten – auch wenn eine aggressivere Strategie möglicherweise die einzige Chance auf den Sieg gewesen wäre. Vasseur: „Unsere Rennpace war wahrscheinlich etwas besser als die von Red Bull und McLaren. Aber es war nur ein Rennen und wir haben eine sehr lange Liste an Dingen, die wir verbessern müssen.“
Entwicklungsgeschwindigkeit zählt im Kampf gegen Mercedes
Für den Franzosen steht deshalb schon nach dem ersten Rennen fest: Die Saison wird vor allem über die Entwicklungsgeschwindigkeit entschieden. „Die Meisterschaft wird davon abhängen, wer am schnellsten neue Teile bringt und das Auto weiterentwickelt“, sagt er. „Das gilt für uns genauso wie für unsere Konkurrenten.“
Schon beim nächsten Rennen könnte sich das Kräfteverhältnis wieder verändern. Der Große Preis von China wird laut Vasseur völlig andere Anforderungen stellen: niedrigere Temperaturen, andere Energienutzung und ein Sprint-Wochenende mit deutlich weniger Trainingszeit.
„Das wird ein komplett anderes Szenario“, sagt der Ferrari-Teamchef. „Mal sehen, wo wir nächste Woche stehen.“
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