Die Kritik am neuen Formel-1-Reglement reißt nicht ab. Nach den Trainings in Spa-Francorchamps schlagen die Fahrer Alarm: Wegen leerer Batterien müssen sie ausgerechnet in legendären Vollgaspassagen vom Gas gehen.
Mutkurven im Bummeltempo?
Die neuen Formel-1-Autos sorgen mal wieder für Diskussionen. Nachdem die Kritik am Hybrid-Reglement zuletzt vergleichsweise verhalten ausfiel, schaltet die Formel 1 auf dem Hochgeschwindigkeitskurs von Spa-Francorchamps wieder in den Schleich-Modus: Den Autos geht auf den langen Geraden buchstäblich der Saft aus.
Die Folge: Legendäre Kurven wie Eau Rouge, Blanchimont oder Puhon verlieren ihren Charakter. Statt Vollgas müssen die Fahrer Tempo herausnehmen, um genügend elektrische Energie für den weiteren Streckenverlauf zu sparen.
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Spas Blanchimont plötzlich keine Mutprobe mehr
Vor allem Blanchimont ist zum Symbol des Problems geworden. Die schnelle Linkskurve galt jahrzehntelang als echte Mutprobe. Jetzt fällt die Geschwindigkeit deutlich ab.
„In Blanchimont stürzen wir von 320 km/h auf 270 km/h ab, weil die Batterie leer ist“, erklärt McLaren-Pilot Lando Norris. Obwohl die Fahrer das Gaspedal voll durchdrücken, sinkt die Geschwindigkeit vor der Bus-Stop-Schikane immer weiter.
Grund dafür ist die Energiebilanz der neuen Hybrid-Antriebe. Auf den langen Vollgaspassagen ist die elektrische Energie bereits weit vor den Bremspunkten aufgebraucht. Dann stehen nur noch rund 550 PS aus dem Verbrennungsmotor zur Verfügung. Max Verstappen erklärt das so: „Das ist wie ein Formel-3-Motor mit Formel-1-Abtrieb – nicht besonders anspruchsvoll zu fahren.“
Der viermalige Weltmeister gehört zu den Kritikern der ersten Stunde, will sich nun aber nicht mehr ständig beschweren: „Ich könnte jetzt auch zu Hause sitzen und gar nichts fahren“, räumt er ein. „Also habe ich mich mental neu justiert.“
Selbst Eau Rouge wird langsamer
Dass sich die Fahrer mit den neuen Gegebenheiten arrangieren müssen, zeigt sich selbst an einer der berühmtesten Stellen der Formel 1: Auch Eau Rouge und Raidillon bleiben von den Auswirkungen nicht verschont. Zwar war die berühmte Passage durch den hohen Abtrieb der modernen Formel-1-Autos zuletzt ohnehin längst Vollgas geworden. Doch nun müssen viele Fahrer bereits vor der Kurvenkombination Tempo herausnehmen, um auf der anschließenden Kemmel-Geraden noch elektrische Leistung zur Verfügung zu haben.
Je nach Strategie fällt der Leistungsabfall unterschiedlich aus. Zufrieden ist damit jedoch niemand. „Auf den Geraden stirbt der Motor einfach“, klagt selbst Lewis Hamilton, der die neuen Autos zu Saisonbeginn noch gelobt hatte. „Ich weiß nicht, wie man das in Zukunft ändern kann, aber ich hoffe inständig, dass es geht.“
Besonders deutlich wird die Entwicklung in Puhon. Die schnelle Doppel-Linkskurve gehörte bislang zu den fahrerischen Highlights der Strecke. Früher konnten die Fahrer sie mit knapp 290 km/h und maximaler Präzision durchfahren.

Die Telemetriedaten vom Training zeigen nun ein anderes Bild: Bereits am Kurveneingang müssen alle Fahrer Geschwindigkeit herausnehmen. Je nach Ladestrategie verlassen die Autos die Passage nur noch mit rund 260 bis 270 km/h.
„Die Energiesituation ist extrem schwierig“, erklärt Racing-Bulls-Pilot Liam Lawson. „Nach Eau Rouge ist die Energie praktisch schon weg. Dann müssen wir in mehreren Kurven laden und geben die gewonnene Energie Richtung Blanchimont wieder aus.“
Sein Fazit fällt deutlich aus: „Dieses Spa fühlt sich ganz anders an. Es ist das schlimmste Gefühl bisher in dieser Saison. In den Nachwuchsserien stand dieser Kurs immer für Attacke. Das ist jetzt vorbei.“
Bearman: „Im Rennen wird das superlangweilig“
Auch Haas-Pilot Ollie Bearman sieht Spa als Extremfall des neuen Reglements. „Es ist typisch für 2026. In Spa haben wir das Worst-Case-Szenario durch die Streckenlänge und den Energie-Mangel. Im Rennmodus wird das superlangweilig. Es macht einfach keinen Spaß“, sagt der Brite.

Die Formel 1 hat zwar bereits Anpassungen am Reglement für 2027 und 2028 beschlossen. Mittlerweile scheint jedoch klar: Auf Hochgeschwindigkeitsstrecken dürfte der Energie-Mangel die Königsklasse auch in Zukunft noch beschäftigen.
Fazit
Die Kritik der Fahrer macht deutlich: Auf Strecken wie Spa zeigt das neue Hybrid-Reglement seine größten Schwächen. Aus legendären Mutkurven werden Energiespar-Passagen. Die Formel 1 hat sich mit ihrem Antriebskonzept in eine Sackgasse manövriert. Zwar sind für 2027 und 2028 bereits Änderungen beschlossen, doch bis diese greifen, heißt es wohl: Augen zu und durch – für Fahrer genauso wie für die Fans. Bleibt zu hoffen, dass sowohl die Vollgas-Artisten im Cockpit als auch die Zuschauer der Königsklasse treu bleiben und die Formel 1 bis keinen nachhaltigen Schaden nimmt, bis sie ihrem Namen und Anspruch wieder gerecht wird.
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