Vier Siege in Folge, WM-Spitzenreiter und der neue Held einer ganzen Nation: Kimi Antonelli erlebt in Italien derzeit einen Hype, wie ihn seit Jahren kein Fahrer mehr ausgelöst hat. Doch ausgerechnet sein Vater Marco warnt vor den Gefahren des Ruhms.
Kimi Antonellis Siegeszug in der Formel 1 lässt die Italiener träumen. Doch Vater Marco Antonelli sieht die Euphorie mit Sorge und warnt vor dem Absturz.
Ein Ort im Ausnahmezustand: In der italienischen Gemeinde Brisighella wurde am vergangenen Wochenende die renommierte Lorenzo-Bandini-Trophäe verliehen. Preisträger anno 2026 ist kein Geringerer als der aktuelle WM-Führende Kimi Antonelli. Der Hype um den neuen Formel-1-Superstar ist in seiner Heimat gigantisch. Besonders in einem Sommer, in dem die „Squadra Azzurra“ bei der Fußball-WM mal wieder nur zuschaut, hängen alle Hoffnungen der sportbegeisterten Nation an ihrem jüngsten Helden.
„Kimi, Kimi“-Sprechchöre, Scharen kreischender Fans und ein Andrang, wie ihn das traditionsreiche Event noch nie erlebt hat. Während der frenetisch bejubelte Lokalmatador umringt von Bodyguards versucht, sich einen Weg durch die Massen zu bahnen, weicht ein Mann nicht von seiner Seite: Papa Marco Antonelli.
Vater Marco sieht die Schattenseiten des Erfolgs
Der 61-Jährige ist selbst Ex-Rennfahrer und Rennstallbesitzer. Bei der Preisverleihung ist Kimi sinnigerweise in einem GT3-Mercedes seines Teams vorgefahren. Mittlerweile ist Marco Antonelli aber vor allem Manager und Beschützer, denn aktuell will jeder ein Stück von seinem Sohn.
Dabei versuchen die Antonellis redlich, den riesigen Erwartungen gerecht zu werden.

„Ein Job wie ein Lottogewinn, es ist verrückt“, lacht Antonelli senior, als er etwas abseits der großen Menschentraube Fan-Utensilien einsammelt, um sie Kimi zum Unterschreiben zu bringen – damit auch die Fans auf den hinteren Plätzen ein Autogramm bekommen.
Neben Karten und Kappen befindet sich darunter auch eine aktuelle Ausgabe der italienischen Fachzeitschrift Autosprint. Diese titelt zu Antonellis Siegerfoto aus Kanada neben den beiden Formel-1-Legenden Lewis Hamilton und Max Verstappen: „Il nuovo Re“ – der neue König.
Papa Antonelli zieht die Augenbrauen hoch. „Es ist natürlich ein toller Moment – aber auch gefährlich. Denn jetzt sind wir ganz oben. Aber ein Fehler und du bist am Boden“, sagt er zu F1-Insider über den Hype um seinen Sohn.
„Im nächsten Moment bist du der schlechteste Fahrer“
Doch wie schützt man einen gerade einmal 19-Jährigen vor einem solchen Druck? „Wir reden natürlich viel darüber, aber am Ende ist jedes Rennen seine eigene Geschichte. Wir müssen hart arbeiten und es Schritt für Schritt angehen. Er muss die Füße am Boden halten. Denn wie gesagt: In einem Moment bist du der Star und im nächsten der schlechteste Fahrer der Welt“, macht sich Antonelli senior keine Illusionen.

„Wir versuchen in diesem Moment alles, um ihm zu helfen, damit umzugehen. Aber dann liegt es auch einfach an ihm, am Boden zu bleiben und zu verstehen, dass es sehr schwierig ist“, mahnt der Vater.
Natürlich träumt sein Sohn nach vier Grand-Prix-Siegen in Serie vom Titelgewinn in seiner erst zweiten Saison in der Königsklasse. Der Vorsprung in der WM beträgt komfortable 43 Punkte. Erst zweimal wurde in der Geschichte der Formel 1 ein größerer Vorsprung unter dem heutigen Punktesystem noch verspielt – 1997 und 2007. Allerdings ist die Saison heute deutlich länger.
Auch Mercedes tritt auf die Bremse
„Wir sind noch am Beginn der Weltmeisterschaft und die Saison ist sehr lang“, warnt Marco Antonelli. „Noch einmal: Es ist überhaupt nicht sicher, dass wir das ganze Jahr über in dieser Position sein werden. Wir müssen einen Schritt nach dem anderen machen und bei jedem Rennen das Maximum herausholen. Dann werden wir sehen.“
In Sachen Einsatz geht Antonelli senior selbst mit gutem Beispiel voran. Er schüttelt Hunderte Hände, posiert für Selfies und tröstet sogar ein kleines Mädchen, das es nicht bis zu ihrem Idol nach vorne geschafft hat – alles, um den Trubel um seinen Sohn zumindest etwas abzufedern.
Denn genau das dürfte auch die größte Aufgabe für Mercedes werden: Den Teenager abseits der Strecke einzubremsen und vor sich selbst zu schützen.

Der 19-Jährige sei „einfach zu nett, er kann nicht Nein sagen“, verrät ein Mitglied des Preisverleihungskomitees.
Wie recht er damit hat, zeigt sich wenig später beim Galadinner. Obwohl die Verantwortlichen den Autogramm-Marathon abbrechen, steht Antonelli nur eine Minute später hinter einem Gartenzaun und schreibt weiter fleißig Autogramme für die Kinder auf der anderen Seite.
Am nächsten Morgen geht es direkt weiter zur MotoGP nach Mugello – und auch dort spielt sich das gleiche Schauspiel ab.
Kein Wunder also, dass Mercedes-Teamchef Toto Wolff seit Monaten vor überzogener Euphorie warnt und immer wieder fordert, bei seinem Wunderkind „die Handbremse anzuziehen“. Der Österreicher weiß genau, welche Herausforderungen nun auf seinen Schützling zukommen.
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